Eine Begegnung mit John Woos „The Killer“ in New York, gerettete Filmkopien, ein ausrangierter Projektor und eine lebenslange Begeisterung für das Kino: Zum 30. Geburtstag von Rapid Eye Movies spricht Mitgründer Stephan Holl über die ungewöhnlichen Anfänge des Kölner Filmverleihs, künstlerische Freundschaften, wirtschaftliche Rückschläge und die Menschen, mit denen er seit Jahrzehnten Filme entdeckt und produziert.
Von Werner Busch.
Werner Busch: Bevor du Rapid Eye Movies gegründet hast, warst du Filmvorführer in der Filmpalette und gehörtest zu den Gründungsmitgliedern des Filmclub 813. War das deine Filmschule?
Stephan Holl: Ja, absolut. Ich habe Film nicht studiert. Das Filmvorführen, später das Programmgestalten in der Filmpalette, die Gründung des Filmclubs als Kollektiv und das Zeigen von Filmen, die man sonst nicht zu sehen bekam – das war meine Filmhochschule, meine Universität.
Ein besonderer Moment war dann Anfang der 1990er-Jahre, als ich als Student in New York war. Ich habe dort in einem Kino eine Reihe mit Hongkong-Filmen gesehen, darunter zum ersten Mal The Killer von John Woo. Dieser Film hat mich wirklich umgehauen. So etwas hatte ich vorher noch nie im Kino erlebt. Diese Energie, diese Emotionen! Ich dachte, das möchte ich unbedingt mit anderen teilen.
Die Begeisterung für Hongkong-Kino war allerdings schon vorher da. Ich hatte eine richtige Sammelleidenschaft für Kung-Fu-Filme entwickelt. Zusammen mit einem Freund haben wir über 100 Filmkopien von Shaw-Brothers-Filmen vor der Vernichtung bewahrt. Die haben wir dann nachts im Freundeskreis angeschaut. Dieses Kino war mir also durchaus vertraut. Aber The Killer war vielleicht der Moment, in dem der Gedanke entstand, solche Erlebnisse auch anderen zugänglich zu machen.
Das war also weniger eine Geschäftsidee als der Wunsch, die eigene Begeisterung weiterzugeben?
Genau. Wir wollten Filme zeigen, die wir selbst liebten und die hier praktisch niemand kannte. Filme, die uns begeisterten und die man in Deutschland einfach nicht auf der Leinwand sehen konnte.
Das war ja damals tatsächlich etwas anderes als heute. Man konnte nicht einfach im Internet nachschauen oder sich irgendeinen Film besorgen. Es gab wirklich Dinge zu entdecken.
Eure ersten Jahre waren von solchen Entdeckungen geprägt. Aber irgendwann kam mit Bollywood der große kommerzielle Erfolg. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Das war tatsächlich unser kommerzieller Durchbruch. Da hat es richtig gerockt! Der entscheidende Film war Kabhi Khushi Kabhie Gham – In guten wie in schweren Tagen mit Shah Rukh Khan.
Wir hatten den Produzenten persönlich auf dem Filmmarkt in Cannes getroffen und konnten die Rechte erwerben. Wir liebten den Film und wollten ihn im Kino ausprobieren. Und dann gab es plötzlich solche Vorstellungen wie eine Matinee um elf Uhr morgens in Mannheim, zu der ungefähr 280 Menschen kamen. Das hatten wir vorher nicht erlebt. Man merkte sofort, dass diese Filme eine unglaubliche Anziehungskraft hatten.
Dann kamen Fernsehsender auf uns zu, die das ebenfalls ausprobieren wollten. Damit wurde eine Tür aufgestoßen, durch die Bollywood zu einem richtigen Mainstream-Phänomen wurde.
Wir haben dann über viele Jahre indische Filme herausgebracht, besonders erfolgreich auf DVD, mit sorgfältig produzierten deutschen Synchronfassungen. Zwischen ungefähr 2004 und 2015 war das ein riesiges Geschäftsfeld für uns.
Aber irgendwann war diese Erfolgsgeschichte vorbei.
Ja. Anfangs hat uns das unglaublich viel Freude gemacht. Aber irgendwann war es eben auch ein Markt, den man bedient hat. Wir haben Filme herausgebracht, für die es ein Publikum gab, aber die vielleicht „nur okay“ waren.
Und dann hat sich der Markt verändert. Netflix und andere Streaminganbieter kamen auf. Für die indischen Produzenten war es plötzlich viel lukrativer, ihre Rechte direkt an solche Unternehmen zu verkaufen.
Irgendwann hat es auch uns selbst nicht mehr so viel Freude gemacht. Die Filme sind ja nicht verschwunden, und das Publikum gibt es immer noch. Wir bekommen bis heute manchmal Briefe von Leuten, die fragen, warum wir nicht wieder etwas so schön synchronisieren und auf DVD veröffentlichen. Aber diese Zeit ist vorbei.
Das hatte auch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen für Rapid Eye Movies.
Ja. Wir mussten uns wieder klein machen, und das war nicht ganz freiwillig. Es war sehr traurig, das Team verkleinern zu müssen und gewissermaßen noch einmal von vorne anzufangen.
Aber vielleicht gehört das auch dazu. Man muss immer wieder neu herausfinden, was einen eigentlich interessiert und was man machen möchte.
DoP-Legende Christopher Doyle (li.) beim Dreh der ersten Rapid Eye Movie-Produktion Underwater Love, Foto: Stephan Holl
Ihr seid später auch selbst als Produzenten tätig geworden. Wie findet ihr die Projekte, an denen ihr euch beteiligt, und was interessiert euch daran?
Es sind vor allem die Menschen – weniger die Stoffe. Wir gehen nicht von einer bestimmten Geschichte aus, von der wir sagen: Die müssen wir jetzt unbedingt erzählen.
Durch unsere Arbeit als Verleiher lernen wir viele interessante Filmschaffende kennen. Menschen, deren Arbeit uns begeistert und mit denen wir in Kontakt bleiben. Irgendwann erfährt man dann von einem neuen Projekt, kommt ins Gespräch und vielleicht entwickelt sich daraus eine Zusammenarbeit. Unsere Filme entstehen also häufig aus persönlichen Begegnungen und Beziehungen heraus.
Mit SABU haben wir beispielsweise mehrere Filme gemacht, als Koproduzenten oder in anderer Form. Das sind ganz unterschiedliche Verantwortlichkeiten. Aber der Ausgangspunkt ist immer die persönliche Begegnung.
Ein großes Glück war es, Lilith Stangenberg kennenzulernen. Sie ist wiederum auf Khavn aufmerksam geworden, den philippinischen Filmemacher, mit dem wir sehr viel gearbeitet haben und immer noch arbeiten. Ich habe Khavn dann mit Alexander Kluge bekannt gemacht. Alexander war begeistert von seiner Arbeit. Daraus ist schließlich Orphea entstanden, ein Film von Kluge und Khavn mit Lilith Stangenberg, der auf der Berlinale 2020 lief.
Das ist ja eigentlich eine Konstellation, bei der man zunächst überhaupt nicht versteht, wie diese Menschen zusammenkommen sollen. Aber es hat wunderbar funktioniert. Manchmal entstehen daraus Filme, die man sich vorher gar nicht hätte vorstellen können. Und dann gibt es sie plötzlich. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Eine unerwartete Film-Buddy-Konfiguration dank Rapid Eye: Alexander Kluge und Khavn de la Cruz, Foto: Stephan Holl
Alexander Kluge ist im März dieses Jahres gestorben. Wie hast du die Zusammenarbeit mit ihm erlebt?
Das war eine große Freude. Alexander war ja bis ins hohe Alter ungeheuer produktiv. Er hat noch immer neue Filme gemacht, auch wenn er zunehmend in Museen und Installationen gedacht hat. Wenn ich ihn in München besucht habe, hat er manchmal gesagt: „Da kommt mein Verleiher!“ Das fand ich immer sehr schön.
Wir haben vor allem dafür gesorgt, dass seine Filme weiterhin im Kino und auf Festivals sichtbar waren. Er hatte selbst ein unglaubliches Netzwerk in der Kunstwelt. Da brauchte er unsere Hilfe nicht. Aber bei Kinoaufführungen und Festivals konnten wir ihn unterstützen. Abschied von gestern beispielsweise ist jetzt in einer neuen Restaurierung erschienen, die Alexander selbst noch beaufsichtigt hat. Wir konnten den Film in diesem Jahr auch bei Venice Classics präsentieren. Diese Arbeit setzen wir nun mit seinen Kindern fort.
Mit der Reihe „Zeitlos“ habt ihr euch außerdem der Wiederentdeckung älterer Filme verschrieben. Ursprünglich sollte jeden Monat ein neuer Film starten.
Ja, das war ein sehr ambitioniertes Unternehmen. Und wir haben vielleicht einen Fehler gemacht: Wir haben nicht unbedingt die bekannten Klassiker herausgebracht, sondern wieder Filme, die man erst entdecken musste.
Es war schwierig, dafür ein Publikum in nennenswerter Größe zu finden. Deshalb haben wir das Tempo etwas gedrosselt. Aber dann gibt es wiederum einen Film wie Yi Yi von Edward Yang, der im Kino richtig erfolgreich war. Wir suchen also weiterhin nach besonderen Restaurierungen, nach Filmen, die noch frisch und jung sind. Das hat nichts mit ihrem Entstehungsjahr zu tun.
Früher wart ihr auch für eure aufwendig gestalteten DVD- und Blu-ray-Editionen bekannt. Inzwischen habt ihr die Herstellung neuer physischer Veröffentlichungen weitgehend eingestellt. Warum?
Weil es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr rechnet. Gerade Blu-rays sind in der Herstellung sehr teuer, und die Stückzahlen, die wir verkaufen können, sind oft so gering, dass nicht einmal die Produktionskosten wieder hereinkommen. Das ist natürlich bitter. Wir haben uns bei diesen Editionen immer sehr viel Mühe gegeben, auch mit der Gestaltung und dem Bonusmaterial.
Bei All We Imagine as Light von Payal Kapadia beispielsweise hatten wir eine wunderschöne Edition gemacht, sogar mit ihrem ersten Film als zusätzlichem Material. Und dann verkauft sich das in so geringen Stückzahlen, dass man sich fragt, wie man das fortsetzen soll.
Ich glaube, es gibt in Deutschland einfach keinen ausreichend großen Sammlermarkt für solche Arthouse-Filme. Bei Horror- oder Genrefilmen mag das anders aussehen. Vielleicht versuchen wir irgendwann noch einmal etwas. Für uns ist das Kino deshalb heute wieder umso wichtiger.
Stephan Holl begann als Filmvorführer in Köln und brachte die Projektionstechnik in den Filmclub 813, die heute noch verwendet wird, Foto (c) Stephan Holl
Zum Jubiläum zeigt der Filmclub 813 einige eurer alten 35-mm-Kopien. Das ist für dich auch eine Rückkehr zu deinen eigenen Anfängen als Filmvorführer.
Ja, das muss ich unbedingt erzählen! Ich habe damals im British Council Filme vorgeführt. Die hatten dort einen wunderschönen Kinosaal, aber es gab keine richtige Vorführtechnik. Im Vorführraum war praktisch nichts. Also habe ich dem British Council vorgeschlagen, dort eine komplette 35-mm-Projektion mit Ton einzubauen. Ich habe ein Angebot gemacht, und die haben gesagt: Machen Sie das, hier ist das Geld.
Ich wusste zu dieser Zeit, dass in Frankfurt am Hauptbahnhof ein Pornokino schließen würde. Das AKI-Kino. Also bin ich mit einem Lastwagen und ein paar Freunden nach Frankfurt gefahren, und wir haben die ganze Technik dort abgebaut und nach Köln geholt.
Das British Council wusste natürlich nicht, woher die Geräte kamen. Aber das spielte eigentlich keine Rolle. Wir haben die Projektoren eingebaut, und das ist tatsächlich die Technik, die dort bis heute läuft. Ist doch eine schöne Geschichte: Da stirbt irgendwo ein Kino, und wir holen es ab, um an einem anderen Ort wieder zum Leben erweckt zu werden.
Im Jubiläumsjahr hast du dich auch noch einmal selbst hinter die Kamera gestellt. FürFür immer 16von Brezel Göring, den ihr gemeinsam produziert habt, hast du auf Super 8 gedreht. Das hat mich überrascht.
Ja, das hat großen Spaß gemacht! Wobei mir die Arbeit mit der Kamera gar nicht so fremd war. Ganz früher habe ich auch als Kameraassistent oder Focus Puller gearbeitet, bei Musikvideos und Werbung. Wenn ich Geld brauchte, habe ich solche Jobs gemacht und das Geld dann wieder in Filmkopien oder andere Filmprojekte gesteckt.
Aber es war schon etwas Besonderes, nach so vielen Jahren wieder das Geräusch von Film zu hören, wenn man damit arbeitet und das Material belichtet. Natürlich hat der Film auch Unschärfen. Aber das ist ja durchaus charmant. Man kann das nicht vollständig kontrollieren, und das wollten wir auch gar nicht. Es ist eben so, wie es ist. Die Zusammenarbeit mit Brezel war ohnehin sehr erfrischend. Es war wie ein Picknick mit Freunden, dieses Filmemachen. Vielleicht machen wir noch einmal etwas zusammen.
Brezel Göring am Set von Für immer 16, Foto: Stephan Holl
Das passt eigentlich sehr gut zu der Energie, mit der ihr seit 30 Jahren arbeitet. Du wirkst in deiner Filmbegeisterung manchmal selbst ein bisschen wie „für immer 16“.
Ja, vielleicht hält einen das tatsächlich jung. Aber an dieser Stelle muss ich unbedingt noch etwas sagen: Das ist nicht mein Unternehmen allein. Antoinette Köster und ich treffen die Filmauswahl gemeinsam. Wir machen das seit Jahrzehnten zusammen. Sie ist meine Frau, wir haben Kinder miteinander, und Rapid Eye Movies ist auch ein Familienunternehmen.
Diese Begeisterung trägt uns beide. Und ich finde es wichtig, dass ich damit nicht allein bin. Sonst würde die Filmauswahl vielleicht einseitiger werden, oder man würde sich irgendwann in seiner eigenen Blase bewegen.
Wir haben auch unsere Leute, die uns seit vielen Jahren begleiten. Thorsten Peters beispielsweise, der unsere Filme ins Kino bringt. Das ist manchmal wirklich nicht leicht, weil das ja oft keine Filme sind, auf die die Welt gewartet hat. Das sind Entdeckungen, für die man erst einmal ein Publikum gewinnen muss. Dazu kommen Anne-Sophie, Nuno und Peter. Wir sind eine Handvoll Menschen. Und ich finde das ganz toll.
Was beschäftigt euch gerade? Wo geht die Reise für Rapid Eye Movies hin?
Wir arbeiten gerade an einem neuen Film mit einem indischen Filmemacher. Unidentified Actress heißt er, und ich komme gerade von den Dreharbeiten in Mumbai zurück. Das ist ein ziemlich aufregendes Projekt, das auch von der Film- und Medienstiftung NRW unterstützt wird. Wir hoffen, dass wir den Film im kommenden Jahr auf Festivals zeigen können.
Und natürlich entdecken wir ständig neue Filme, die wir herausbringen möchten.
Wenn ich auf die vergangenen 30 Jahre zurückblicke, dann sind es vor allem diese Begegnungen und die daraus entstandenen Freundschaften, die mich glücklich machen. Es ist ein großes Glück, dass Antoinette und ich diese Begeisterung miteinander teilen und mit den Menschen zusammenarbeiten können, die uns seit so vielen Jahren begleiten.
Eine Begegnung mit John Woos „The Killer“ in New York, gerettete Filmkopien, ein ausrangierter Projektor und eine lebenslange Begeisterung für das Kino: Zum 30. Geburtstag von Rapid Eye Movies spricht Mitgründer Stephan Holl über die ungewöhnlichen Anfänge des Kölner Filmverleihs, künstlerische Freundschaften, wirtschaftliche Rückschläge und die Menschen, mit denen er seit Jahrzehnten Filme entdeckt und produziert.
Von Werner Busch.
Werner Busch: Bevor du Rapid Eye Movies gegründet hast, warst du Filmvorführer in der Filmpalette und gehörtest zu den Gründungsmitgliedern des Filmclub 813. War das deine Filmschule?
Stephan Holl: Ja, absolut. Ich habe Film nicht studiert. Das Filmvorführen, später das Programmgestalten in der Filmpalette, die Gründung des Filmclubs als Kollektiv und das Zeigen von Filmen, die man sonst nicht zu sehen bekam – das war meine Filmhochschule, meine Universität.
Ein besonderer Moment war dann Anfang der 1990er-Jahre, als ich als Student in New York war. Ich habe dort in einem Kino eine Reihe mit Hongkong-Filmen gesehen, darunter zum ersten Mal The Killer von John Woo. Dieser Film hat mich wirklich umgehauen. So etwas hatte ich vorher noch nie im Kino erlebt. Diese Energie, diese Emotionen! Ich dachte, das möchte ich unbedingt mit anderen teilen.
Die Begeisterung für Hongkong-Kino war allerdings schon vorher da. Ich hatte eine richtige Sammelleidenschaft für Kung-Fu-Filme entwickelt. Zusammen mit einem Freund haben wir über 100 Filmkopien von Shaw-Brothers-Filmen vor der Vernichtung bewahrt. Die haben wir dann nachts im Freundeskreis angeschaut. Dieses Kino war mir also durchaus vertraut. Aber The Killer war vielleicht der Moment, in dem der Gedanke entstand, solche Erlebnisse auch anderen zugänglich zu machen.
Das war also weniger eine Geschäftsidee als der Wunsch, die eigene Begeisterung weiterzugeben?
Genau. Wir wollten Filme zeigen, die wir selbst liebten und die hier praktisch niemand kannte. Filme, die uns begeisterten und die man in Deutschland einfach nicht auf der Leinwand sehen konnte.
Das war ja damals tatsächlich etwas anderes als heute. Man konnte nicht einfach im Internet nachschauen oder sich irgendeinen Film besorgen. Es gab wirklich Dinge zu entdecken.
Eure ersten Jahre waren von solchen Entdeckungen geprägt. Aber irgendwann kam mit Bollywood der große kommerzielle Erfolg. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Das war tatsächlich unser kommerzieller Durchbruch. Da hat es richtig gerockt! Der entscheidende Film war Kabhi Khushi Kabhie Gham – In guten wie in schweren Tagen mit Shah Rukh Khan.
Wir hatten den Produzenten persönlich auf dem Filmmarkt in Cannes getroffen und konnten die Rechte erwerben. Wir liebten den Film und wollten ihn im Kino ausprobieren. Und dann gab es plötzlich solche Vorstellungen wie eine Matinee um elf Uhr morgens in Mannheim, zu der ungefähr 280 Menschen kamen. Das hatten wir vorher nicht erlebt. Man merkte sofort, dass diese Filme eine unglaubliche Anziehungskraft hatten.
Dann kamen Fernsehsender auf uns zu, die das ebenfalls ausprobieren wollten. Damit wurde eine Tür aufgestoßen, durch die Bollywood zu einem richtigen Mainstream-Phänomen wurde.
Wir haben dann über viele Jahre indische Filme herausgebracht, besonders erfolgreich auf DVD, mit sorgfältig produzierten deutschen Synchronfassungen. Zwischen ungefähr 2004 und 2015 war das ein riesiges Geschäftsfeld für uns.
Aber irgendwann war diese Erfolgsgeschichte vorbei.
Ja. Anfangs hat uns das unglaublich viel Freude gemacht. Aber irgendwann war es eben auch ein Markt, den man bedient hat. Wir haben Filme herausgebracht, für die es ein Publikum gab, aber die vielleicht „nur okay“ waren.
Und dann hat sich der Markt verändert. Netflix und andere Streaminganbieter kamen auf. Für die indischen Produzenten war es plötzlich viel lukrativer, ihre Rechte direkt an solche Unternehmen zu verkaufen.
Irgendwann hat es auch uns selbst nicht mehr so viel Freude gemacht. Die Filme sind ja nicht verschwunden, und das Publikum gibt es immer noch. Wir bekommen bis heute manchmal Briefe von Leuten, die fragen, warum wir nicht wieder etwas so schön synchronisieren und auf DVD veröffentlichen. Aber diese Zeit ist vorbei.
Das hatte auch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen für Rapid Eye Movies.
Ja. Wir mussten uns wieder klein machen, und das war nicht ganz freiwillig. Es war sehr traurig, das Team verkleinern zu müssen und gewissermaßen noch einmal von vorne anzufangen.
Aber vielleicht gehört das auch dazu. Man muss immer wieder neu herausfinden, was einen eigentlich interessiert und was man machen möchte.
Ihr seid später auch selbst als Produzenten tätig geworden. Wie findet ihr die Projekte, an denen ihr euch beteiligt, und was interessiert euch daran?
Es sind vor allem die Menschen – weniger die Stoffe. Wir gehen nicht von einer bestimmten Geschichte aus, von der wir sagen: Die müssen wir jetzt unbedingt erzählen.
Durch unsere Arbeit als Verleiher lernen wir viele interessante Filmschaffende kennen. Menschen, deren Arbeit uns begeistert und mit denen wir in Kontakt bleiben. Irgendwann erfährt man dann von einem neuen Projekt, kommt ins Gespräch und vielleicht entwickelt sich daraus eine Zusammenarbeit. Unsere Filme entstehen also häufig aus persönlichen Begegnungen und Beziehungen heraus.
Mit SABU haben wir beispielsweise mehrere Filme gemacht, als Koproduzenten oder in anderer Form. Das sind ganz unterschiedliche Verantwortlichkeiten. Aber der Ausgangspunkt ist immer die persönliche Begegnung.
Ein großes Glück war es, Lilith Stangenberg kennenzulernen. Sie ist wiederum auf Khavn aufmerksam geworden, den philippinischen Filmemacher, mit dem wir sehr viel gearbeitet haben und immer noch arbeiten. Ich habe Khavn dann mit Alexander Kluge bekannt gemacht. Alexander war begeistert von seiner Arbeit. Daraus ist schließlich Orphea entstanden, ein Film von Kluge und Khavn mit Lilith Stangenberg, der auf der Berlinale 2020 lief.
Das ist ja eigentlich eine Konstellation, bei der man zunächst überhaupt nicht versteht, wie diese Menschen zusammenkommen sollen. Aber es hat wunderbar funktioniert. Manchmal entstehen daraus Filme, die man sich vorher gar nicht hätte vorstellen können. Und dann gibt es sie plötzlich. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Alexander Kluge ist im März dieses Jahres gestorben. Wie hast du die Zusammenarbeit mit ihm erlebt?
Das war eine große Freude. Alexander war ja bis ins hohe Alter ungeheuer produktiv. Er hat noch immer neue Filme gemacht, auch wenn er zunehmend in Museen und Installationen gedacht hat. Wenn ich ihn in München besucht habe, hat er manchmal gesagt: „Da kommt mein Verleiher!“ Das fand ich immer sehr schön.
Wir haben vor allem dafür gesorgt, dass seine Filme weiterhin im Kino und auf Festivals sichtbar waren. Er hatte selbst ein unglaubliches Netzwerk in der Kunstwelt. Da brauchte er unsere Hilfe nicht. Aber bei Kinoaufführungen und Festivals konnten wir ihn unterstützen. Abschied von gestern beispielsweise ist jetzt in einer neuen Restaurierung erschienen, die Alexander selbst noch beaufsichtigt hat. Wir konnten den Film in diesem Jahr auch bei Venice Classics präsentieren. Diese Arbeit setzen wir nun mit seinen Kindern fort.
Mit der Reihe „Zeitlos“ habt ihr euch außerdem der Wiederentdeckung älterer Filme verschrieben. Ursprünglich sollte jeden Monat ein neuer Film starten.
Ja, das war ein sehr ambitioniertes Unternehmen. Und wir haben vielleicht einen Fehler gemacht: Wir haben nicht unbedingt die bekannten Klassiker herausgebracht, sondern wieder Filme, die man erst entdecken musste.
Es war schwierig, dafür ein Publikum in nennenswerter Größe zu finden. Deshalb haben wir das Tempo etwas gedrosselt. Aber dann gibt es wiederum einen Film wie Yi Yi von Edward Yang, der im Kino richtig erfolgreich war. Wir suchen also weiterhin nach besonderen Restaurierungen, nach Filmen, die noch frisch und jung sind. Das hat nichts mit ihrem Entstehungsjahr zu tun.
Früher wart ihr auch für eure aufwendig gestalteten DVD- und Blu-ray-Editionen bekannt. Inzwischen habt ihr die Herstellung neuer physischer Veröffentlichungen weitgehend eingestellt. Warum?
Weil es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr rechnet. Gerade Blu-rays sind in der Herstellung sehr teuer, und die Stückzahlen, die wir verkaufen können, sind oft so gering, dass nicht einmal die Produktionskosten wieder hereinkommen. Das ist natürlich bitter. Wir haben uns bei diesen Editionen immer sehr viel Mühe gegeben, auch mit der Gestaltung und dem Bonusmaterial.
Bei All We Imagine as Light von Payal Kapadia beispielsweise hatten wir eine wunderschöne Edition gemacht, sogar mit ihrem ersten Film als zusätzlichem Material. Und dann verkauft sich das in so geringen Stückzahlen, dass man sich fragt, wie man das fortsetzen soll.
Ich glaube, es gibt in Deutschland einfach keinen ausreichend großen Sammlermarkt für solche Arthouse-Filme. Bei Horror- oder Genrefilmen mag das anders aussehen. Vielleicht versuchen wir irgendwann noch einmal etwas. Für uns ist das Kino deshalb heute wieder umso wichtiger.
Zum Jubiläum zeigt der Filmclub 813 einige eurer alten 35-mm-Kopien. Das ist für dich auch eine Rückkehr zu deinen eigenen Anfängen als Filmvorführer.
Ja, das muss ich unbedingt erzählen! Ich habe damals im British Council Filme vorgeführt. Die hatten dort einen wunderschönen Kinosaal, aber es gab keine richtige Vorführtechnik. Im Vorführraum war praktisch nichts. Also habe ich dem British Council vorgeschlagen, dort eine komplette 35-mm-Projektion mit Ton einzubauen. Ich habe ein Angebot gemacht, und die haben gesagt: Machen Sie das, hier ist das Geld.
Ich wusste zu dieser Zeit, dass in Frankfurt am Hauptbahnhof ein Pornokino schließen würde. Das AKI-Kino. Also bin ich mit einem Lastwagen und ein paar Freunden nach Frankfurt gefahren, und wir haben die ganze Technik dort abgebaut und nach Köln geholt.
Das British Council wusste natürlich nicht, woher die Geräte kamen. Aber das spielte eigentlich keine Rolle. Wir haben die Projektoren eingebaut, und das ist tatsächlich die Technik, die dort bis heute läuft. Ist doch eine schöne Geschichte: Da stirbt irgendwo ein Kino, und wir holen es ab, um an einem anderen Ort wieder zum Leben erweckt zu werden.
Im Jubiläumsjahr hast du dich auch noch einmal selbst hinter die Kamera gestellt. Für Für immer 16 von Brezel Göring, den ihr gemeinsam produziert habt, hast du auf Super 8 gedreht. Das hat mich überrascht.
Ja, das hat großen Spaß gemacht! Wobei mir die Arbeit mit der Kamera gar nicht so fremd war. Ganz früher habe ich auch als Kameraassistent oder Focus Puller gearbeitet, bei Musikvideos und Werbung. Wenn ich Geld brauchte, habe ich solche Jobs gemacht und das Geld dann wieder in Filmkopien oder andere Filmprojekte gesteckt.
Aber es war schon etwas Besonderes, nach so vielen Jahren wieder das Geräusch von Film zu hören, wenn man damit arbeitet und das Material belichtet. Natürlich hat der Film auch Unschärfen. Aber das ist ja durchaus charmant. Man kann das nicht vollständig kontrollieren, und das wollten wir auch gar nicht. Es ist eben so, wie es ist. Die Zusammenarbeit mit Brezel war ohnehin sehr erfrischend. Es war wie ein Picknick mit Freunden, dieses Filmemachen. Vielleicht machen wir noch einmal etwas zusammen.
Das passt eigentlich sehr gut zu der Energie, mit der ihr seit 30 Jahren arbeitet. Du wirkst in deiner Filmbegeisterung manchmal selbst ein bisschen wie „für immer 16“.
Ja, vielleicht hält einen das tatsächlich jung. Aber an dieser Stelle muss ich unbedingt noch etwas sagen: Das ist nicht mein Unternehmen allein. Antoinette Köster und ich treffen die Filmauswahl gemeinsam. Wir machen das seit Jahrzehnten zusammen. Sie ist meine Frau, wir haben Kinder miteinander, und Rapid Eye Movies ist auch ein Familienunternehmen.
Diese Begeisterung trägt uns beide. Und ich finde es wichtig, dass ich damit nicht allein bin. Sonst würde die Filmauswahl vielleicht einseitiger werden, oder man würde sich irgendwann in seiner eigenen Blase bewegen.
Wir haben auch unsere Leute, die uns seit vielen Jahren begleiten. Thorsten Peters beispielsweise, der unsere Filme ins Kino bringt. Das ist manchmal wirklich nicht leicht, weil das ja oft keine Filme sind, auf die die Welt gewartet hat. Das sind Entdeckungen, für die man erst einmal ein Publikum gewinnen muss. Dazu kommen Anne-Sophie, Nuno und Peter. Wir sind eine Handvoll Menschen. Und ich finde das ganz toll.
Was beschäftigt euch gerade? Wo geht die Reise für Rapid Eye Movies hin?
Wir arbeiten gerade an einem neuen Film mit einem indischen Filmemacher. Unidentified Actress heißt er, und ich komme gerade von den Dreharbeiten in Mumbai zurück. Das ist ein ziemlich aufregendes Projekt, das auch von der Film- und Medienstiftung NRW unterstützt wird. Wir hoffen, dass wir den Film im kommenden Jahr auf Festivals zeigen können.
Und natürlich entdecken wir ständig neue Filme, die wir herausbringen möchten.
Wenn ich auf die vergangenen 30 Jahre zurückblicke, dann sind es vor allem diese Begegnungen und die daraus entstandenen Freundschaften, die mich glücklich machen. Es ist ein großes Glück, dass Antoinette und ich diese Begeisterung miteinander teilen und mit den Menschen zusammenarbeiten können, die uns seit so vielen Jahren begleiten.