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IF PIGEONS TURNED TO GOLD: Die Kamera kann niemanden retten

Einer der ungewöhnlichsten und erschütterndsten Dokumentarfilme des Jahres feiert am 10. November seine Köln-Premiere im Filmhaus. LaDOC präsentiert If Pigeons Turned to Gold von Pepa Lubojacki, begleitet von einem Videogespräch mit der Regisseurin und einer Diskussion über Suchterkrankungen. Der vielfach ausgezeichnete Film geht für Tschechien ins Oscar-Rennen.

Von Werner Busch.


Wie weit kann man gehen, um einen geliebten Menschen vor dem Absturz zu bewahren? Und was, wenn man dabei selbst immer tiefer in den Abgrund blickt? Fünf Jahre lang begleitet die tschechische Filmemacherin Pepa Lubojacki ihren suchtkranken Bruder und zwei Cousins mit der Kamera – und wagt sich dabei in menschliche Ausnahmezustände vor, die man im Kino selten so unmittelbar erlebt. Mit If Pigeons Turned to Gold ist ihr einer der radikalsten Dokumentarfilme des Jahres gelungen.

Die Kölner Initiative LaDOC präsentiert den außergewöhnlichen Film am Dienstag, 10. November, um 19:30 Uhr im Filmhaus Köln. Die Regisseurin, die derzeit mit ihrem Film durch die USA tourt, ist in einem eigens aufgezeichneten Videogespräch zu erleben. Im Anschluss diskutiert LaDOC mit einer Expertin über die Hintergründe und Dynamiken von Suchterkrankungen. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Dokumentarfilminitiative (dfi) und dem Filmbüro NW statt.

Zwischen Liebe, Verzweiflung und Kontrollverlust

Über fünf Jahre begleitet Pepa Lubojacki ihren älteren Bruder David und zwei Cousins mit der Kamera. Alle drei kämpfen mit schweren Suchterkrankungen und leben zeitweise oder dauerhaft auf der Straße. Was zunächst wie eine persönliche Langzeitbeobachtung erscheint, entwickelt sich zu einer schonungslosen Auseinandersetzung mit familiären Traumata, Abhängigkeit und der verzweifelten Frage, wie man Menschen helfen kann, die man liebt, aber nicht retten kann.

Dabei geht Lubojacki weit über die Möglichkeiten eines konventionellen Dokumentarfilms hinaus. Intime, oft mit dem Smartphone gedrehte Aufnahmen treffen auf Familienarchive, grafische Collagen, elektronische Musik und mithilfe künstlicher Intelligenz animierte Kindheitsfotografien. Die Vergangenheit erwacht buchstäblich zum Leben, Erinnerungen beginnen zu sprechen.

If Pigeons Turned to Gold ist ein radikal persönlicher Film, der seinen Protagonist:innen und seinem Publikum einiges zumutet. Momente tiefster Verzweiflung stehen neben überraschender Komik und großer Zärtlichkeit. Lubojacki scheut sich nicht, auch die eigene Rolle zu hinterfragen: Wo endet die Fürsorge und beginnt die Bevormundung? Wie viel Verantwortung kann ein Mensch für das Leben eines anderen übernehmen? Und was bedeutet es, jemanden zu lieben, dessen Selbstzerstörung man hilflos mitansehen muss?

Genau diese Widersprüche machen den Film so bemerkenswert. Er verweigert einfache Antworten und verzichtet auf die üblichen Erklärungsmuster, mit denen Suchterkrankungen und Wohnungslosigkeit häufig betrachtet werden. Stattdessen entsteht ein ebenso verstörendes wie liebevolles Familienporträt, das auch die Grenzen des dokumentarischen Erzählens auslotet.

Berlinale-Gewinner und tschechischer Oscar-Kandidat

Seine Weltpremiere feierte If Pigeons Turned to Gold im Februar 2026 im Forum der Berlinale, wo der Film gleich doppelt ausgezeichnet wurde: mit dem Berlinale Dokumentarfilmpreis und dem renommierten Caligari-Filmpreis. Weitere Auszeichnungen folgten auf internationalen Festivals, unter anderem beim Crossing Europe Filmfestival in Linz und beim Krakauer Filmfestival.

Inzwischen hat die Tschechische Film- und Fernsehakademie das Werk als offiziellen Beitrag des Landes für die Oscarverleihung 2027 ausgewählt. Damit konkurriert dieser ungewöhnliche, mit einfachsten Mitteln entstandene Dokumentarfilm um eine Nominierung in der Kategorie Bester internationaler Film.

Dienstag, 10. November 2026, 19:30 Uhr
Filmhaus Köln
If Pigeons Turned to Gold
Regie: Pepa Lubojacki | Tschechien/Slowakei 2026 | 110 Minuten | OmU

Titelbild: © CLAW films


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