Alexander Kluge ist tot. Mit ihm verliert Deutschland einen der prägenden Filmemacher und Intellektuellen der Nachkriegszeit – und einen Künstler, der Kino, Literatur, Theorie und Fernsehen immer als Arbeit an Öffentlichkeit verstand.
Von Werner Busch.
Alexander Kluge (1932–2026) war vieles zugleich: Schriftsteller, Philosoph, Jurist, Regisseur, Produzent, Fernseh-Erfinder. Vor allem aber war er eine zentrale Figur des Neuen Deutschen Films – nicht als „Stil“, sondern als Haltung. In Oberhausen, so erinnert der Nachruf der Internationalen Kurzfilmtage, moderierte Kluge 1962 die Verkündung des Oberhausener Manifests und leitete damit symbolisch die Geburt einer Bewegung ein, die den deutschen Film aus der Erstarrung holen wollte: weg von Routine und Verwertung, hin zu Autorenschaft, Gegenwart, Risiko.
Dass Kluge dabei auch ein großer Kurzfilmemacher war, wird manchmal unterschätzt – in Oberhausen war es stets präsent. Seine frühen Arbeiten wurden dort mehrfach ausgezeichnet: 1961 gewann er den Hauptpreis der Stadt Oberhausen für „Brutalität in Stein“, eine Gemeinschaftsarbeit mit Peter Schamoni. Es folgten „Lehrer im Wandel“ (1963), „Porträt einer Bewährung“ (1965) und „Feuerlöscher E.A. Winterstein“ (1968). Zum Kurzfilm kehrte Kluge immer wieder zurück; auch in den 1990er-Jahren war er in Oberhausen mit Arbeiten aus dem dctp-Umfeld präsent.
Kluges Weg war früh international sichtbar. 1966 erhielt er als erster Deutscher nach dem Krieg den Silbernen Löwen in Venedig für „Abschied von Gestern“ – ein Signal, dass sich in Europa eine Tür für das neue deutsche Autoren-Kino öffnete. Doch typisch Kluge: Ihm ging es nie nur um das „Gelingen einzelner Werke“. Er dachte Film als gesellschaftliche Praxis, als Herstellung von Verbindungen zu einer „authentischen Öffentlichkeit“ und zu einem Publikum, das nicht bloß Zielgruppe sein sollte.
Bis Mitte der 1980er-Jahre realisierte Kluge 14 abendfüllende Spielfilme und veröffentlichte zentrale Prosabände; gemeinsam mit Oskar Negt führte er die Kritische Theorie philosophisch-soziologisch fort. Als die Rahmenbedingungen für seine Art von Kino brüchiger wurden, wechselte er das Feld – ohne die Idee aufzugeben. Ab 1988 setzte er mit seiner Produktionsfirma dctp die „Politik der Autoren“ in Kulturfenstern des Privatfernsehens fort: Gespräche, Essays, Magazine, „Bilder ohne Worte“, Formate wie „Facts & Fakes“. In knapp zwanzig Jahren entstanden rund 1500 Stunden Sendezeit – ein Archiv aus Begegnungen mit Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Musiker:innen, Filmemacher:innen, Schriftsteller:innen und Politiker:innen, das Kluge nicht als „Fernsehen“, sondern als fortgesetzte Denk- und Erzählmaschine verstand.
Wie sehr Kluge dabei immer auch eine eigenwillige, wache Präsenz blieb, illustriert eine Erinnerung von Madeleine Bernstorff, der künstlerischen Leiterin der Kurzfilmtage: Kluge bittet im Februar 2000 inmitten der Münchner Sicherheitskonferenz die Kamerafrau Babette Mangolte zu einem dctp-Gespräch – und spricht mit ihr über Dur und Moll und feministische Filmarbeit, unbeirrt von den umstehenden Generälen. Das fängt Kluge in einer Szene ganz wunderbar ein: neugierig, konzentriert, respektlos gegenüber Machtkulissen, ernsthaft in der Sache.
Bis zuletzt arbeitete er weiter. 2025 wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet. Und noch im Februar 2026 begleitete er persönlich seine Ausstellung „Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern“ in Wien. Die Kurzfilmtage Oberhausen verabschieden ihn als Mentor und Begleiter des Festivals – und erinnern daran, wie viele Spuren seines Denkens und Arbeitens sich in Oberhausen und weit darüber hinaus eingeschrieben haben.
Mit Alexander Kluge verliert die deutsche Kultur einen, der nie zufrieden war mit fertigen Antworten. Seine Kunst bestand darin, Fragen so zu stellen, dass sie weiterarbeiten – im Kopf, im Gespräch, im Bild.
Foto: Pressefoto Alexander Kluge © Markus Kirchgessner / DCTP
Alexander Kluge ist tot. Mit ihm verliert Deutschland einen der prägenden Filmemacher und Intellektuellen der Nachkriegszeit – und einen Künstler, der Kino, Literatur, Theorie und Fernsehen immer als Arbeit an Öffentlichkeit verstand.
Von Werner Busch.
Alexander Kluge (1932–2026) war vieles zugleich: Schriftsteller, Philosoph, Jurist, Regisseur, Produzent, Fernseh-Erfinder. Vor allem aber war er eine zentrale Figur des Neuen Deutschen Films – nicht als „Stil“, sondern als Haltung. In Oberhausen, so erinnert der Nachruf der Internationalen Kurzfilmtage, moderierte Kluge 1962 die Verkündung des Oberhausener Manifests und leitete damit symbolisch die Geburt einer Bewegung ein, die den deutschen Film aus der Erstarrung holen wollte: weg von Routine und Verwertung, hin zu Autorenschaft, Gegenwart, Risiko.
Dass Kluge dabei auch ein großer Kurzfilmemacher war, wird manchmal unterschätzt – in Oberhausen war es stets präsent. Seine frühen Arbeiten wurden dort mehrfach ausgezeichnet: 1961 gewann er den Hauptpreis der Stadt Oberhausen für „Brutalität in Stein“, eine Gemeinschaftsarbeit mit Peter Schamoni. Es folgten „Lehrer im Wandel“ (1963), „Porträt einer Bewährung“ (1965) und „Feuerlöscher E.A. Winterstein“ (1968). Zum Kurzfilm kehrte Kluge immer wieder zurück; auch in den 1990er-Jahren war er in Oberhausen mit Arbeiten aus dem dctp-Umfeld präsent.
Kluges Weg war früh international sichtbar. 1966 erhielt er als erster Deutscher nach dem Krieg den Silbernen Löwen in Venedig für „Abschied von Gestern“ – ein Signal, dass sich in Europa eine Tür für das neue deutsche Autoren-Kino öffnete. Doch typisch Kluge: Ihm ging es nie nur um das „Gelingen einzelner Werke“. Er dachte Film als gesellschaftliche Praxis, als Herstellung von Verbindungen zu einer „authentischen Öffentlichkeit“ und zu einem Publikum, das nicht bloß Zielgruppe sein sollte.
Bis Mitte der 1980er-Jahre realisierte Kluge 14 abendfüllende Spielfilme und veröffentlichte zentrale Prosabände; gemeinsam mit Oskar Negt führte er die Kritische Theorie philosophisch-soziologisch fort. Als die Rahmenbedingungen für seine Art von Kino brüchiger wurden, wechselte er das Feld – ohne die Idee aufzugeben. Ab 1988 setzte er mit seiner Produktionsfirma dctp die „Politik der Autoren“ in Kulturfenstern des Privatfernsehens fort: Gespräche, Essays, Magazine, „Bilder ohne Worte“, Formate wie „Facts & Fakes“. In knapp zwanzig Jahren entstanden rund 1500 Stunden Sendezeit – ein Archiv aus Begegnungen mit Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Musiker:innen, Filmemacher:innen, Schriftsteller:innen und Politiker:innen, das Kluge nicht als „Fernsehen“, sondern als fortgesetzte Denk- und Erzählmaschine verstand.
Wie sehr Kluge dabei immer auch eine eigenwillige, wache Präsenz blieb, illustriert eine Erinnerung von Madeleine Bernstorff, der künstlerischen Leiterin der Kurzfilmtage: Kluge bittet im Februar 2000 inmitten der Münchner Sicherheitskonferenz die Kamerafrau Babette Mangolte zu einem dctp-Gespräch – und spricht mit ihr über Dur und Moll und feministische Filmarbeit, unbeirrt von den umstehenden Generälen. Das fängt Kluge in einer Szene ganz wunderbar ein: neugierig, konzentriert, respektlos gegenüber Machtkulissen, ernsthaft in der Sache.
Bis zuletzt arbeitete er weiter. 2025 wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet. Und noch im Februar 2026 begleitete er persönlich seine Ausstellung „Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern“ in Wien. Die Kurzfilmtage Oberhausen verabschieden ihn als Mentor und Begleiter des Festivals – und erinnern daran, wie viele Spuren seines Denkens und Arbeitens sich in Oberhausen und weit darüber hinaus eingeschrieben haben.
Mit Alexander Kluge verliert die deutsche Kultur einen, der nie zufrieden war mit fertigen Antworten. Seine Kunst bestand darin, Fragen so zu stellen, dass sie weiterarbeiten – im Kopf, im Gespräch, im Bild.
Foto: Pressefoto Alexander Kluge © Markus Kirchgessner / DCTP