Eine Meerjungfrau wandert durch eine archaische Landschaft – und landet im nächsten Moment in der grellen Gegenwart einer amerikanischen Großstadt. Der Debüt-Langfilm der Kölner Filmemacher:innen Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann setzt Gegensätze nicht gleich, sondern in Beziehung und erzählt die Merfolk-Subkultur in Portland als queere, feministische Suche nach Identität – konsequent hybrid in Form und Figur.
Von Frank Olbert.
Alles an dieser Landschaft ist ewig: die Wüste, die Steinriesen, die sich überall auftürmen, die Trockenheit, die in einem so grellen Kontrast steht zu dem Wesen, das durch diese urtümliche Szenerie wandert. Es ist eine Meerjungfrau mit leuchtend bunter Flosse; sich selbst bezeichnet die Sirene als hybrid, halb Mensch, halb Fisch, und vielleicht hat es sie in diese Wüste verschlagen, weil es hier einst Wasser gab. Nun aber will sie sich unter die Menschen begeben, prompt befindet sie sich im nächsten Augenblick im Hotelzimmer einer amerikanischen Großstadt, die mit ihren Spielhallen, Jahrmärkten und Imbissbuden das optische Gegenprogramm zur archaischen Landschaft der vorangegangenen Szenen liefert.
Gegensätze nicht zu versöhnen, aber miteinander in Beziehung zu setzen, ist ein zentrales Stilmittel in „Sirens Call“, einem Film des Duos Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann, der sich nur vordergründig als Dokumentation ausgibt. Vorgestellt wird hier die Subkultur des Merfolks anhand einer Gemeinschaft in Portland, Oregon, zu der auch Una, die Meerjungfrau des Anfangs und überhaupt die Protagonistin des Films, zählt. In der Sehnsucht nach Verwandlung steckt die Identitätssuche der Mermaids in sexueller, gesellschaftlicher und auch biografischer Hinsicht.
Moth, eine Freundin Unas bezeichnet sich selbst als Hexe, liebt Gothic und legt gegen Mitfahrgelegenheiten Tarot-Karten. Una selbst ist auf der Suche nach ihrer Herkunft und ihrem Namen und empfindet wie ihre Gefährtinnen die Welt um sie herum „als Alptraum“. Dass diese queere, feministische und in technische Utopien verliebte Community ausgerechnet in einem Amerika zu überleben versucht, das von Trump überschattet wird und patriotisch rückwärtsgewandte Lieder im Autoradio schätzt, macht ihren Alltag nicht leichter.
Sirens Call, Foto: Filmfaust
Das Motiv der Suche spielt „Sirens Call“ an sich selbst durch, und das mit hoher künstlerischer Feinfühligkeit. Einerseits dokumentiert er tatsächlich die Lebenswelt der Merfolks von Portland zwischen politischem Aktivismus, sexueller Selbstbefreiung und der täglichen Auseinandersetzung mit einer Umwelt, die sie als fremd empfinden. Gleichzeitig aber ist Gossings und Sieckmanns Film auch ein Essay, der sich mit dem ganz und gar nicht emanzipatorischen Mythos um die Meerjungfrauen befasst, die mit ihrem Gesang die Männer bezirzen. Odysseus und seine Gefährten umgarnen sie nicht mehr, dafür tauchen sie durch ein gigantisches Aquarium und lassen sich von Touristen begaffen. In solchen Momenten erreicht dieser sonst so sensible Film ironische Spitzen.
Damit ist die Überwindung der Genregrenzen, die „Sirens Call“ auszeichnet, längst nicht ausgeschöpft. Was zu Beginn wie der Auftakt zu einem Science-Fiction-Film auf einem wüsten, durch den Klimawandel ausgetrockneten Planeten wirkt, geht unmerklich in ein Roadmovie über, das Una und Moth durch die Diner und Motels der zeitgenössichen USA führt.
Dann wieder erzählt Una aus ihrem eigenen Leben, so dass sich „Sirens Call“ zur Biografie aufschwingt, nur um die Protagonistin gleich wieder in ihrer Community verschwinden zu lassen. Nicht allein der Film ändert permanent seine Gestalt – auch seine zentrale Figur wandelt sich ohne Unterlass und offenbart damit immer neue Facetten. „I’m part human, I recognize that, but I’m not full“, beschreibt Una ihr Leben jenseits der gesellschaftlichen Norm. Gossing und Sieckmann folgen ihr auf diesem Weg und übersetzen die Selbstdefinition ihrer Protagonistin als hybrides Wesen in einen Film, der selbst hybrid ist und damit zutiefst originär.
Der Film ist im Rahmen des Internationen Frauen Film Fest 2026 am 24. April um 21:00 im Filmforum NRW zu sehen, präsentiert in Kooperation mit der dfi – Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW.
Eine Meerjungfrau wandert durch eine archaische Landschaft – und landet im nächsten Moment in der grellen Gegenwart einer amerikanischen Großstadt. Der Debüt-Langfilm der Kölner Filmemacher:innen Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann setzt Gegensätze nicht gleich, sondern in Beziehung und erzählt die Merfolk-Subkultur in Portland als queere, feministische Suche nach Identität – konsequent hybrid in Form und Figur.
Von Frank Olbert.
Alles an dieser Landschaft ist ewig: die Wüste, die Steinriesen, die sich überall auftürmen, die Trockenheit, die in einem so grellen Kontrast steht zu dem Wesen, das durch diese urtümliche Szenerie wandert. Es ist eine Meerjungfrau mit leuchtend bunter Flosse; sich selbst bezeichnet die Sirene als hybrid, halb Mensch, halb Fisch, und vielleicht hat es sie in diese Wüste verschlagen, weil es hier einst Wasser gab. Nun aber will sie sich unter die Menschen begeben, prompt befindet sie sich im nächsten Augenblick im Hotelzimmer einer amerikanischen Großstadt, die mit ihren Spielhallen, Jahrmärkten und Imbissbuden das optische Gegenprogramm zur archaischen Landschaft der vorangegangenen Szenen liefert.
Gegensätze nicht zu versöhnen, aber miteinander in Beziehung zu setzen, ist ein zentrales Stilmittel in „Sirens Call“, einem Film des Duos Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann, der sich nur vordergründig als Dokumentation ausgibt. Vorgestellt wird hier die Subkultur des Merfolks anhand einer Gemeinschaft in Portland, Oregon, zu der auch Una, die Meerjungfrau des Anfangs und überhaupt die Protagonistin des Films, zählt. In der Sehnsucht nach Verwandlung steckt die Identitätssuche der Mermaids in sexueller, gesellschaftlicher und auch biografischer Hinsicht.
Moth, eine Freundin Unas bezeichnet sich selbst als Hexe, liebt Gothic und legt gegen Mitfahrgelegenheiten Tarot-Karten. Una selbst ist auf der Suche nach ihrer Herkunft und ihrem Namen und empfindet wie ihre Gefährtinnen die Welt um sie herum „als Alptraum“. Dass diese queere, feministische und in technische Utopien verliebte Community ausgerechnet in einem Amerika zu überleben versucht, das von Trump überschattet wird und patriotisch rückwärtsgewandte Lieder im Autoradio schätzt, macht ihren Alltag nicht leichter.
Das Motiv der Suche spielt „Sirens Call“ an sich selbst durch, und das mit hoher künstlerischer Feinfühligkeit. Einerseits dokumentiert er tatsächlich die Lebenswelt der Merfolks von Portland zwischen politischem Aktivismus, sexueller Selbstbefreiung und der täglichen Auseinandersetzung mit einer Umwelt, die sie als fremd empfinden. Gleichzeitig aber ist Gossings und Sieckmanns Film auch ein Essay, der sich mit dem ganz und gar nicht emanzipatorischen Mythos um die Meerjungfrauen befasst, die mit ihrem Gesang die Männer bezirzen. Odysseus und seine Gefährten umgarnen sie nicht mehr, dafür tauchen sie durch ein gigantisches Aquarium und lassen sich von Touristen begaffen. In solchen Momenten erreicht dieser sonst so sensible Film ironische Spitzen.
Damit ist die Überwindung der Genregrenzen, die „Sirens Call“ auszeichnet, längst nicht ausgeschöpft. Was zu Beginn wie der Auftakt zu einem Science-Fiction-Film auf einem wüsten, durch den Klimawandel ausgetrockneten Planeten wirkt, geht unmerklich in ein Roadmovie über, das Una und Moth durch die Diner und Motels der zeitgenössichen USA führt.
Dann wieder erzählt Una aus ihrem eigenen Leben, so dass sich „Sirens Call“ zur Biografie aufschwingt, nur um die Protagonistin gleich wieder in ihrer Community verschwinden zu lassen. Nicht allein der Film ändert permanent seine Gestalt – auch seine zentrale Figur wandelt sich ohne Unterlass und offenbart damit immer neue Facetten. „I’m part human, I recognize that, but I’m not full“, beschreibt Una ihr Leben jenseits der gesellschaftlichen Norm. Gossing und Sieckmann folgen ihr auf diesem Weg und übersetzen die Selbstdefinition ihrer Protagonistin als hybrides Wesen in einen Film, der selbst hybrid ist und damit zutiefst originär.
Der Film ist im Rahmen des Internationen Frauen Film Fest 2026 am 24. April um 21:00 im Filmforum NRW zu sehen, präsentiert in Kooperation mit der dfi – Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW.