Allgemein Filmszene Aktuell

Die Vermittlung des bewegten Bildes

Szenenbild aus OECONOMIA von Carmen Losmann, der am 2. Juli im Rahmen der Reihe KHM-Heimspiel im MAKK gezeigt wird.
Foto: Petrolio Film

Die Vermittlung des bewegten Bildes

– Ein Interview mit Prof. Dietrich Leder

Am kommenden Freitag findet um 21.30 Uhr im Open-Air-Kino des MAKK das erste KHM-Heimspiel nach dem zweiten Corona-Lockdown statt. Die Filmreihe präsentiert mit OECONOMIA den zweiten langen Dokumentarfilm der KHM-Absolventin Carmen Losmann, der bei der Berlinale 2020 seine Premiere feierte. Im Anschluss führt Prof. Dietrich Leder das Gespräch mit der Regisseurin und dem Bildgestalter Dirk Lütter, der ebenfalls an der KHM studiert hat.

Prof. Dietrich Leder, geb. 1954 in Essen. Nach dem Studium der Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Pädagogik und Philosophie in Köln Arbeit als Publizist für Tages- und Wochenzeitungen, Fachzeitschriften, Hörfunk und Fernsehen sowie als Dokumentarfilmer. Von 1994 bis 2021 Professor für Fernsehkultur an der Kunsthochschule für Medien Köln. Lehrgebiet: Dokumentarfilmpraxis, Mediengeschichte, Fernsehformate. Foto: KHM

Für Dietrich Leder ist es ein besonderer Abend, denn er moderiert die von ihm initiierte Filmreihe zum letzten Mal. Nach 27 Jahren an der KHM hat sich der Medienwissenschaftler und Journalist bereits im März diesen Jahres aus der Lehre verabschiedet. Dietrich Leder war 1994 zum Professor für Fernsehkultur und Dokumentarfilm berufen worden und hat die Lehre an der KHM maßgeblich mitgeprägt. Zeit für einen Rückblick auf ein Vierteljahrhundert KHM und eine kleine Gegenwartsbestimmung audiovisuellen Erzählens. Filmszene.Koeln-Redakteur Werner Busch sprach mit dem Medienwissenschaftler.

Werner Busch: Was ist die Idee hinter der Filmreihe KHM-Heimspiel?

Dietrich Leder: Die Idee bestand darin zum ersten darin, die KHM, die in den 1990er-Jahren in Köln ein wenig fremdelte, stärker in der Stadt zu verankern, in dem sie die Bürgerinnen und Bürger der Stadt zu Veranstaltungen einlud. Zum zweiten darin, regelmäßig zu demonstrieren, wer alles an der KHM Film studiert hat und nun Spiel- und Dokumentarfilme einer besonderen Qualität hervorbringt; die KHM stand ja mitunter unter starken Beobachtung unterschiedlicher Interessengruppen, die ihr alles mögliche absprachen, also auch, dass man hier etwas lernen könne, was einen beispielsweise dazu befähige, Kinospielfilme zu schreiben und zu inszenieren. Zum dritten darin, den aktuellen Studienjahrgängen Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen des audiovisuellen Betriebs dadurch zu vermitteln, dass Ehemalige ihnen das am Beispiel besonderer Arbeiten vermitteln; das Publikumsgespräch mit den Beteiligten, also nicht nur mit den Regisseurinnen und Regisseuren, sondern auch mit den Bildgestalterinnen und Bildgestaltern, den Produzentinnen und Produzenten, den Cutterinnen und Cuttern, sofern sie denn an der KHM studiert haben und am jeweiligen Film mitwirkten, gehört zum festen Bestandteil der abendlichen Veranstaltung. Mein Kollege Horst Königstein, der 2011 pensioniert wurde und 2013 starb, hat das maßgeblich vorangetrieben. Er verlieh der Veranstaltung auch den Titel „Best of KHM“. In der Hochschule wurde die leichte Selbstironie dieses Titels nicht begriffen, so dass sie darauf drängte, ihn zu ändern. „Heimspiel“, ein Vorschlag des Absolventen Lutz Heineking jr., wurde der passende und ebenso selbstironische Ersatz.

2013: Dietrich Leder (li.) mit den Heimspiel-Gästen Matthias Murmann, Philipp Käßbohrer und Jan Böhmermann. Foto: KHM

Es finden im Semester vier bis sechs solcher Veranstaltungen statt; nur in Coronazeiten mussten viele ausfallen. Wenn ich die Abende Revue passieren lasse, an denen ich im Zuschauerraum unserer Aula saß oder vorne stand, um den jeweiligen Film vorzustellen, und das nachfolgende Gespräch zu moderieren, dann ist mir vor allem in Erinnerung, wie oft es gelang, offen über das gerade Gesehene zu sprechen. Nur selten herrschte jene Abwehrhaltung vor, in denen Regisseurinnen und Regisseure einem möglicherweise kritischen Publikum begegnen. Ebenso selten war die Routine zu spüren, in die jede oder jeder kommt, die oder der zum 20. Mal ihren oder seinen Film einem Publikum präsentiert. Die Rückkehr an die KHM erregte also bei den meisten so etwas wie die Lust an der künstlerischen Selbstreflexion, die zu einem offenen Gespräch führte.

Inwieweit hat die Liberalisierung der Medienproduktion durch die Digitalisierung die filmische Arbeit verändert?

Das kann ich am besten am Dokumentarfilm beschreiben. Dazu vorab noch folgendes: Das Fach Dokumentarfilm habe ich zusammen mit Jeanine Meerapfel, die sich als hauptberufliche Professorin um das Fach der Spielfilmregie kümmerte, als Lehrgebiet der KHM aufgebaut und dann mit Kollegen unterrichtet wie Hansjürgen Rosenbauer, Horst Königstein und dann Thomas Schmitt, der im letzten Jahr gestorben ist. Unser Lehrangebot stieß Mitte der 1990er-Jahre anders als beispielsweise das zur Fernseh-Unterhaltung oder zur Fernsehserie auf ein großes Interesse. Das damals von mir entwickelte Curriculum existiert bis heute fort und hat sich ausweislich vieler Diplomfilme als äußerst erfolgreich erwiesen. Das große Interessen der Studentinnen und Studenten sorgte dafür, dass der Dokumentarfilm bald einen großen Teil meiner Lehre und vor allem auch der Zeit einnahm, in denen ich Projekte vom Studentinnen und Studenten betreute.

Die Rückkehr an die KHM erregte bei den meisten so etwas wie die Lust an der künstlerischen Selbstreflexion.

Prof. Dietrich Leder

1995 entwickelte ich zur Einführung und ersten Erprobung ein Grundlagenseminar, das den Titel „Dokumentarische Miniaturen“ trug und so bis heute existiert, nachdem es so von vielen Kolleginnen und Kollegen übernommen wurde. Als erste Übung sollten kleine Filme entstehen, in denen die Studentinnen und Studenten alltägliche Vorgänge, die sich wiederholen, beobachten. Diese Filme sollten mit zwei Rollen 16mm-Material, auf Grund der vorhandenen Kameras im Academy-Format, und in Schwarz-Weiß gedreht werden. Diese Formatierung sollte so etwas wie eine erste entschiedene Datenreduktion bewirken. Schon auf dem 1995 noch vorherrschenden analogen Videostandard war das Drehverhältnis enorm angestiegen. Statt 1:8 oder höchstens 1:15, wie auf Filmmaterial, drehte man mit analogem Video in einem Verhältnis von 1:20 oder 1:30. Mit den beiden Rollen 16mm-Material der Übung kam man bei einer Endlänge von fünf bis zehn Minuten auf ein Verhältnis von 1:5 oder 1:8. Das beschleunigte die Schnittzeit, sorgte aber auch dafür, dass jedes einzelne Filmbild sehr genau angeschaut werden konnte.

Generationen von Absolvent:innen zeigten im Rahmen des KHM Heimspiel, früher: „Best of KHM“, ihre herausragenden Arbeiten dem Publikum in Köln. Foto: Werner Busch

Nach der Digitalisierung hat sich das Drehverhältnis noch einmal drastisch verändert. Da die Speicherung nichts oder wenig kostet, ist ein Drehverhältnis von 1:80 heute keine Ausnahme, sondern die Regel. Dementsprechend haben sich die Schnittzeiten dramatisch verlängert. Die Studentinnen und Studenten brauchen allein Wochen, um ihr Material nur ein einziges Mal angeschaut zu haben. Ihnen für diesen Sichtungsprozess Verfahren an die Hand zu geben, die sie in diesem Material nicht untergehen lassen, war nun viel wichtiger als beim Schnitt des 16mm-Materials. Hinzu kommt, dass die Schnittcomputer dazu verführen, gleich perfekt schneiden zu wollen. So werden unendliche viele Einstiege in Filme versucht, von denen zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal feststeht, was sie erzählen sollen und was nicht. Hier gehörte zu den didaktischen Pflichten, dieses vorschnelle Schneiden zu verhindern und erst einmal nach einer genauen Sichtung des Materials zu einer Phase der Reflexion zu kommen, also vom Schneide- an den Schreibtisch zurückzukehren.

Ansonsten habe ich in meinen medienhistorischen Seminaren stets auf die technischen Veränderungen von der Durchsetzung eines Tonstandards um 1929 über die Einführung von Breitwandformaten in den 1950er-Jahren bis zum hochauflösenden Fernsehen (HDTV) um 2005 mit seinem zwangsweise verordneten 16:9-Format hingewiesen und ihre Folgen für die künstlerische Arbeit thematisiert. Leitsatz war stets: Hier geschieht nichts naturwüchsig, alles geschieht auf Grundlagen von ökonomischen, politischen und sozialen Interessen. Ein Reich der Freiheit wird nie das, was Großkonzerne technisch auf dem Markt durchgesetzt haben.

Hier geschieht nichts naturwüchsig, alles geschieht auf Grundlagen von ökonomischen, politischen und sozialen Interessen. Ein Reich der Freiheit wird nie das, was Großkonzerne technisch auf dem Markt durchgesetzt haben.

Prof. Dietrich Leder

Haben sich Ihre Studenten über die Jahre verändert?

Zunächst: Ich habe meines Wissens nach nie das Possessivpronomen benutzt, wenn ich von Studentinnen und Studenten sprach. Sie sind weder meine noch die anderer Professorinnen und Professoren, sondern sie sind autonome Subjekte, die sich vielleicht sogar nur zufällig für das interessierten, was ich anbot oder was ich betreute. Nun zu Ihrer Frage: Das kann ich nicht beurteilen. Oder anders gesagt: Jeder aktueller Jahrgang war mir gleich nah und fern zugleich. Beispielsweise wechselte sich der Grad der Politisierung oder ein gewisser Hang zum Esoterischen eher wellenförmig ab, als dass diese jeweils bestimmten Jahrgängen zugeschrieben werden können. Sicher gab es Jahrgänge, die intensiver miteinander arbeiteten (teilweise bis weit über das Studium hinaus), während in anderen die Solisten und Solipsisten dominierten. Aber das erschien mir zufällig oder lag eingestandenermaßen auch an der Lehre. Durchweg habe ich die Neugier bewundert, mit denen sich die meisten Studentinnen und Studenten auf Themengebiete, filmische Formen und Erzählweisen einließen, die ihnen vorher fremd waren. Sich irritieren zu lassen, um die Irritationen produktiv zu wenden, kann ich als eine große Gemeinsamkeit all dieser Generationen, mit denen ich seit 1994 zu tun hat, bezeichnen.

Wie haben sich Lehre und Lernen seit Ihrem ersten Jahr an der KHM verändert?

Das kann ich nur streng subjektiv beantworten. Als ich 1994 als Professor für Fernsehkultur an die KHM berufen wurde, bestand meine Aufgabe in der Lehre zunächst darin, das weite Feld, auf dem künstlerisches Arbeiten im Fernsehen möglich ist, zu explorieren und zusammen mit wunderbaren Kolleginnen und Kollegen das zu vermitteln, was für die Arbeit in den einzelnen Bereichen an Kenntnissen, Fertigkeiten, Verfahren und Methoden existiert.

2003: Nach der Vorführung von BLINDER SCHACHT im OFF-Broadway Kino mit (v. l.) Christian Schmalz, Yang Li (Regisseur und KHM-Absolvent), Dietrich Leder, Jeanine Meerapfel, Claudia Löwen und Ute Dilger. Foto: KHM

Wie kam aber das Fernsehen an eine Kunsthochschule?

Einer der Gründe lag sicher in jener Form der Medienkunst, die sich der Techniken und Apparate des Fernsehens bediente. Für diese Kunstform standen in den Anfangsjahren der KHM jemand wie Valie Export, die ja auch experimentelle Spielfilme realisiert hatte, die im Fernsehen ausgestrahlt worden sind, und später dann Marcel Odenbach, der sich ja früh an den Versuchen an einem unabhängigen Fernsehen beteiligt hatte. Ein anderer wichtiger Grund resultierte aus der Erkenntnis, dass zwischen den populären Künsten und den etablierten keine Mauer existiert, dass Popularität kein Negativkriterium für Kunst ist und Erfolgslosigkeit kein Ausweis für Qualität. Was für die Popmusik, den Jazz, das Kino oder die bildende Kunst eines Andy Warhol galt, sollte auch für das gelten, was in der KHM gelehrt wurde. Und das Fernsehen war zu dieser Zeit das Populäre Massenmedium schlechthin.

Popularität ist kein Negativkriterium für Kunst und Erfolgslosigkeit kein Ausweis für Qualität.

Prof. Dietrich Leder

Das konnte für sich damals noch eine gewisse Plausibilität beanspruchen, da damals noch eine gewisse Euphorie herrschte, das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder zu jener Offenheit und Radikalität zurückzuführen, die während der 1970er und frühen 1980er-Jahre vor allem in den Dritten Programmen, aber auch in den wöchentlichen Sendungen etwa vom „Kleinen Fernsehspiel“ (ZDF) existierten. KHM-Kollegen wie Alfred Biolek, Horst Königstein und Hansjürgen Rosenbauer standen als Moderatoren, als Produzenten und Redakteure für ein solches wagemutiges, stets neugieriges und sich weiter entwickelndes Fernsehen. Mit ihnen war ich an Experimenten der Fernsehshow, von Gesprächs- und Unterhaltungssendungen beteiligt. In genau dieser Zeit begann aber dann unter dem Druck der aufkommenden Privatsender eine immer stärkere Uniformisierung des öffentlich-rechtlichen Programms, das spätestens nach 2002 die Sendeflächen für Experimente austrocknete und im Bereich des Fernsehfilms zur Monokultur des Fernsehkrimis führte.

2010: Mit Oliver Schwabe und Christian Becker nach der Vorführung von „Zarte Parasiten“. Foto: KHM

Diese Veränderungen habe ich regelmäßig in einem Seminar, das sich mit den Strukturen des Medienbetriebs – vom Kino zum Fernsehen bis zum Internet – beschäftigte, untersucht. Also Aufklärung über die ökonomischen, politischen, rechtlichen Bedingungen der audiovisuellen Medien. Lehrziel war selbstverständlich nicht das Auswendiglernen der jeweils aktuellen Fakten als vielmehr das Vermitteln von Verfahren, mit denen sich die Studentinnen und Studenten nach ihrem Abschluss in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern über diese Bedingungen permanent selbst aufklären und informieren können, um eben diese Bedingungen als Ergebnisse gesellschaftlicher Entwicklungen zu begreifen.

Im übrigen gilt, was ich in der letzten Ausgabe dieses Seminars vor einem Jahr sagte, weiterhin: Das klassische Fernsehen mit einem festen Programm, was wörtlich ja Vorschrift heißt, wird weiter existieren. Die non-linearen Angebote ergänzen dieses klassische Fernsehen, verdrängen es aber nicht. Die Attraktivität der im Fernsehen präsenten Live-Ereignisse wird sogar noch zu nehmen, auch wenn diese bei den Streamingplattformen angeboten werden. In diesem Sinne wird Streaming eher auch klassisches Fernsehen, als dass es dieses verdrängt und aufhebt.

Solange der Ruf von Netflix besser ist als die Bilanz, funktioniert das.

Prof. Dietrich Leder

Was haben Sie den Studentinnen und Studenten denn zum Aufstieg von Netflix gesagt, das innerhalb weniger Jahre es zu einer weltweiten Macht wurde, die etablierten Unternehmen in Fernsehen, Kino etc. vor sich hertreibt und unsere Sehgewohnheiten auf Dauer veränderte?

Netflix ist in der Tat sehr erfolgreich. Die spannende Frage ist nur, ob das Unternehmen so erfolgreich ist, dass es seine enorm hohen Kosten refinanziert? Wir kennen keine Zahlen. Es finanziert sich durch das Risikokapital, das in großem Maße sich über die Finanzmärkte bewegt und dringend nach Anlagemöglichkeiten sucht. Solange also der Ruf von Netflix besser ist als die Bilanz, funktioniert das. Die Spekulation auf die Aktie finanziert also die Vorwärtsstrategie des Unternehmens, das in vielen Ländern teuer produzieren lässt. Langfristig funktioniert es aber nur dann, wenn irgendwann Gewinn erzielt wird. Das könnte dann der Fall sein, wenn Netflix ein Monopol im Streaming von Serien und Film etablieren kann.

2013: Im Gespräch mit Ralph Caspers und dem Publikum. Foto: KHM

Doch noch sind die Konkurrenten, die später starteten, nicht abgedrängt. Auch wenn die Geschichte um Time Warner, das ja mit HBO MAX, den vermutlich größten Konkurrenten gestartet hat, zeigt, wie schwer das Geschäft ist. Das US-Unternehmen wurde ja vor drei Jahren vom Telekommunikationsunternehmen AT&T gekauft, das sich vom Streaminggeschäft einiges versprach. Doch das ließ sich schwieriger an, als man bei AT&T glaubte. Man verschliss zwei Vorstände, ehe man Time Warner in diesem Jahr wieder abspaltete und mit Discovery verschmolz. Das hat weiter Zeit gekostet, was Netflix sicher freute. Aber ob deren Strategie langfristig aufgeht? Die Mediengeschichte kennt ja einige Unternehmen, die nach diesem Muster erfolgreich blieben. Es gibt aber eine Fülle anderer, die Konkurs gingen, als die Banken weitere Krediten verwehrten oder als Anleger an der Aktie zweifelten, deren Kurs daraufhin ins Nirvana abrutschte.

Ich habe damals schon darauf hingewiesen, dass das Internet wie alle anderen Öffentlichkeitsformen der Logik des Kapitalismus unterliegt und dass bald dort, wo heute Vielfalt herrscht, Oligopole und dann Monopole herrschen werden.

Prof. Dietrich Leder

Wäre ein spannendes Seminar: Die Geschichte des Unternehmens zu erzählen, das begann als eine polnische Einwandererfamilie, die ihren Namen zu Warner anglisiert hatten, sich um 1905 einen Projektor kauften, um als Fahrgeschäft Filme zu zeigen, die als Warner Bros. zu den Mayor Companies zählten, später mit Time, dann CNN fusionierten, von AOL gekauft wurden, ehe dieser neuer Mutterkonzern rasend an Bedeutung verlor, so dass das Unternehmen bald wieder nur Time Warner hieß, das dann von AT&T gekauft und nun mit Discovery zusammengeschlossen wurde und nun WarnerMedia heißt. Diese Firmengeschichte wäre an Hand der Filme zu erzählen, die vom Unternehmen produziert und im Kino und Fernsehen und nun im Internet verbreitet wurden.

Welche tiefgreifenden Änderungen auf dem Fernsehsektor haben Sie in Deutschland beobachtet und dann in der KHM vermittelt?

Zum ersten sicher, dass ich Ende der 1990er-Jahre bereits davor warnte, dass der enorme Produktionsboom, der ja zur Herstellung vieler Fernseh- und Kinofilme in Deutschland führte, andauern würde. Das Platzen der Dotcom-Blase und die Insolvenz des Kirchkonzerns waren damals bereits absehbar. Ich sagte in den Seminaren, dass man sich weder von den optimistischen Selbstlügen der Medienbranche noch von deren ökonomischem Selbstmitleid beeindrucken lassen dürfe. Zum zweiten, dass ich die Euphorie, die mit gewissen Techniken einherkam, stets einzudämmen versuchte. Die KHM war ja schon früh im Internet unterwegs. Wir haben früh Filme dort angeboten, die zunächst nur stockend und datenreduziert zu sehen waren. Damals schien für die Distribution von Filmen ein Paradies angebrochen zu sein. Gleichzeitig wurde die offene und weltweite Kommunikation als ein Schritt in einer größere Freiheit gefeiert. Ich habe damals schon darauf hingewiesen, dass das Internet wie alle anderen Öffentlichkeitsformen der Logik des Kapitalismus unterliegt und dass bald dort, wo heute Vielfalt herrscht, Oligopole und dann Monopole herrschen werden. Mit einem Grinsen habe ich dann erlebt, wie die Euphoriker des Internets bald zu seinen größten Kritikern wurden.

2017 bei der Pressekonferenz zur Einführung des neuen Studienschwerpunkts „Literarisches Schreiben“ mit Hans Ulrich Reck und Andreas Altenhoff. Foto: KHM

An welchen wichtigen Veränderungen in der Lehre der KHM waren Sie beteiligt? 

Da sind vor allem zwei Erweiterungen des Lehrangebots zu nennen. Die erste geschah um 2007/2008. Die Fachhochschule Dortmund beschloss damals, den bisherigen Kamera-Studiengang einzustellen und in einen allgemeinen, der sich dem Film im weitesten Sinne widmet, umzustellen. Mit diesen Studiengang hatten wir seit Gründung der KHM intensiv und gut zusammengearbeitet, so dass diese Entscheidung für uns Folgen haben würde. Ich beschloss damals, das Konzept für ein Fach der filmischen Bildgestaltung zu entwickeln, das vom Dokumentar- über den Spiel- und Experimentalfilm bis zur Live-Kamera viele Einsatzformen erfasste und das mit dem anderen Lehrangebot an der KHM und den jeweiligen Professuren curricular verzahnt wurde. Ich hatte große Hilfe damals in meinem Kollegen Robert van Ackeren, der ja nicht nur ein wichtiger Regisseur des deutschen Films ist, sondern der auch als exquisiter Kameramann gearbeitet hat. Unser Konzept fand dann Zustimmung im Ministerium, was zu entsprechenden Professuren und Mitarbeiterstellen führte. Heute sind bereits eine Reihe von Kamerafrauen und -männern beruflich erfolgreich, die ihre bildkünstlerischen Fähigkeiten an der KHM entwickelt oder verfeinert haben.

Die zweite geschah vor fünf Jahren. Dazu muss ich ein wenig ausholen: In der KHM war die Literatur als Erzähl- und Experimentalform von Anbeginn präsent. Es haben auch immer wieder Studentinnen und Studenten mit Texten, damit meine ich nicht nur Drehbücher, sondern auch Erzählungen und Romane abgeschlossen. Vor allem mein Kollege Andreas Altenhoff, der im letzten Jahr pensioniert wurde, hat sich auf diesem Feld sehr engagiert. Bei ihm schloss beispielsweise Gunter Geltinger sein Studium mit einem erzählenden Text ab, aus dem später sein erster Roman entstand. Versuche, das Literarische Schreiben als Fach zu etablieren, scheiterten leider Ende der 1990er-Jahre. Um so erfreulicher, als dann vor fünf Jahren Signale aus dem damaligen Wissenschaftsministerium kamen, dass es nun ein Interesse an einem solchen Fach an einer Kunsthochschule in Nordrhein-Westfalen gäbe. Zusammen mit Andreas Altenhoff und dem damaligen Rektor Hans Ulrich Reck haben wir dann ein Konzept entwickelt, wie an der KHM das „Literarische Schreiben“ gelehrt werden könne. Dieses Konzept wurde zu unserer Freude angenommen, so dass wir zum Sommersemester 2017 Navid Kermani und Ulrich Peltzer und ein Jahr darauf die – leider vor kurzem – verstorbene Lyrikerin Barbara Köhler für Professuren gewinnen konnten. Seit dem Wintersemester 2017/2018 ist das „Literarische Schreiben“ ein fester Bestandteil der KHM.

Wie hat sich ihr privates Medienkonsumverhalten in den letzten 25 Jahren verändert? 

Da hat sich kaum etwas verändert. Ich lese immer noch die aktuelle Literatur und widme mich einmal im Jahr einem der großen Romane der Weltliteratur. Und ich sehe immer noch sehr viele Fernsehsendungen, über die ich dann schreiben oder die in meinem Fernsehjahresrückblick erwähnt werden, den ich seit 1986 für die heutige Medienkorrespondenz und das seit 1990 erscheinende Jahrbuch Fernsehen schreibe. Leider hat die Zahl meiner Kinobesuche abgenommen, weniger eine Folge meiner Lehrtätigkeit als des allmählichen Alterns, mit dem eine gewisse Faulheit einhergeht. Den Freunden unter den wunderbaren Kinoenthusiasten in Köln wie etwa Joachim Kühn und Dirk Steinkühler von der Filmpalette, Christian Schmalz vom Off-Broadway oder Martin Roelly vom Odeon sei versprochen: Das wird nun wieder anders. Mit all diesen Kinos, zu denen auch das Cinenova in Ehrenfeld zu zählen ist, haben wir in meiner KHM-Zeit regelmäßig bestens zusammengearbeitet.

2020: Begrüßung des Publikums zum Heimspiel-Abend mit neuen Romanen von Absolvent:innen der KHM. Foto: KHM

Interview: Werner Busch
Fotos: Archiv KHM, Titelbild: Szenenbild aus OECONOMIA. Foto: Petrolio Film

KHM-Heimspiel: OECONOMIA
Freitag, 2. Juli, 21:30 Uhr (Einlass ab 20:30 Uhr)

Open-Air-Kino im Innenhof des Museums für Angewandte Kunst Köln (MAKK)
An der Rechtschule, 50667 Köln, Eintritt 8,95 Euro
Moderation: Prof. Dietrich Leder

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