Filmkritik

Wenn Wissenschaft faulen könnte: Backrooms

Ein sehr junger YouTuber verwandelt eine Internet-Sage über endlose gelbe Büroräume in einen der besten Kinofilme des Jahres. Kane Parsons’ Debüt funktioniert als Horrorfilm, Psychothriller, Arthouse-Film und vor allem als selten gewordener Beweis, dass im Kino noch wirklich neue Räume aufgehen können.

Von Werner Busch.


Dass dieser Film existiert, ist ein kleines Wunder. Dass er auch noch verdammt gut ist, ein noch größeres. Da hätte viel schiefgehen können. Backrooms ist der erste Langfilm des US-Amerikaners Kane Parsons, der unter dem Alias Kane Pixels im Netz längst kein Geheimtipp mehr ist. Geboren wurde er am 18. Juni 2005. YouTube ist also tatsächlich älter als dieser Regisseur, der erst seit gestern Alkohol trinken darf, er ist gerade 21 Jahre alt geworden. Sein Debütfilm ist mit einem Einspielergebnis von über 300 Mio. Dollar weltweit der erfolgreichste Film für das seit Jahren wohl interessanteste Hollywood-Studio A24. »Wunderkind« sagt man da glaube ich.

Der Vergleich mit einem anderen Wunderkind liegt nahe: Steven Spielberg war 25 als sein erster Kinofilm 𝐃𝐮𝐞𝐥 im Jahr 1971 erschien. Ursprünglich fürs Fernsehen gedreht, aber so gut, dass er von Universal ins Kino gehoben wurde. Spielberg kam aus der Welt des Fernsehens, hatte den ersten Columbo-Film mit Peter Falk gedreht, arbeitete in einem vitalen Hollywood, das gerade in einem großen kreativen Umbruch war. Parsons Welt hingegen ist eine völlig andere, speist sich aus YouTube, Pandemie, Blender, digitaler Einsamkeit und Internet-Folklore.

Kane Parsons hat als Teenager extrem aufwendige, mit großem Gespür fürs Filmische inszenierte Videos geschaffen. Sie spielen zu großen Teilen in einer geheimen Parallel-Dimension: den Backrooms. Wer bei Parallelwelten an kosmische Pracht, Zauberglanz oder Marvel-Portale denkt, landet hier sehr unsanft in gelbsuchtkranken, endlosen Büroräumen. Schäbige Tapeten, feuchter Teppich, das statische Surren der Deckenlampen, dazu der eigene Atem, wenn man durch dieses Labyrinth irrt und sich fragt, was diese Räume sind, warum sie da sind und was hinter der nächsten Ecke lauert. Und dann ist da noch dieses merkwürdige Wesen, das einen mit gar schrecklichen Geräuschen jagt.

Die Backrooms basieren auf einer sogenannten Creepypasta, einer modernen Internetsage. 2019 tauchte auf 4chan das Bild eines leeren, gelb tapezierten Büroraums auf, verbunden mit der Idee, man könne durch einen Fehler in der Wirklichkeit in diese Räume »hineinclippen«, wie bei einem Glitch in einem Computerspiel. Aus diesem einzelnen Foto wurde ein kollektiver Mythos: eine leere Welt hinter der Welt, endlos, banal, falsch, liminal. Keine gotische Burg, kein verfluchtes Haus, kein Friedhof … Das Grauen sieht aus wie der abgelebte Nebenraum eines Versicherungsbüros.

Parsons hat diesem Material auf YouTube eine Form und eine Erzählweise gegeben, die stilbildend wurde und ein ganzes Webvideo-Subgenre begründete. Während der Pandemie brachte er sich 3D-Animation und visuelle Effekte bei, arbeitete unter anderem mit Blender und Adobe After Effects und baute daraus eine Ästhetik, die gleichzeitig billig, präzise, kaputt und unheimlich wirkt. Sein erstes großes Video, 𝐓𝐡𝐞 𝐁𝐚𝐜𝐤𝐫𝐨𝐨𝐦𝐬 (𝐅𝐨𝐮𝐧𝐝 𝐅𝐨𝐨𝐭𝐚𝐠𝐞), erschien im Januar 2022 und hat inzwischen über 86 Millionen Aufrufe. Das Hollywood anklopfte, wundert wenig. Erstaunlich ist eher, dass dabei am Ende ein Film herauskam, der die Vorlage verdammt erst nimmt und gleichzeitig als Spielfilm – ohne jede Vorkenntnisse des Publikums – funktioniert.

Kane Parsons am Set von BACKROOMS, Foto: Constantin Film

Zum Glück war es A24. Das Studio ist als Produktion und Verleih seit seiner Gründung 2012 einen in Hollywood verloren geglaubten Weg gegangen und hat schnell eine eigene, sehr bestimmte Marke entwickelt, die bei kluger Stoffauswahl, mehr kreativer Freiheit für die Ideen-Schöpfer*innen und sehr gutem Marketing beginnt. Ihm verdanken wir unter anderem Ari Aster und Robert Eggers, zwei der interessantesten US-Regisseure der letzten Jahre. Das A24-Logo wurde in der jungen, internetaffinen Cinephilen-Welt eine Insignie für Originalität und Qualität. Und gerade als dieser Stern, nach dem großen 7-Oscar-Durchbruch von Everything Everywhere All at Once (2022) wieder zu sinken begann, weil ein paar mittelmäßige Stoffe zu Recht erfolglos zur Marktreife gelangt waren, kam 𝐁𝐚𝐜𝐤𝐫𝐨𝐨𝐦𝐬.

Es war gut, richtig und wichtig, dass A24 den sehr jungen Parsons bei seinem Debüt mit viel professioneller Hilfe versorgte: Drehbuch, Kamera, Produktion und Schauspieler*innen sind trotz des limitierten Budgets von nur 10 Millionen Dollar erstklassig. Das Drehbuch stammt von Will Soodik (und Kane Parsons), DoP ist Jeremy Cox. Auf Produzentenseite ist eine ganze Reihe prominenter Namen beteiligt, unter anderem aus dem Umfeld von James Wan, 21 Laps und Chernin Entertainment. Auf dem Papier klingt das nach der üblichen Maschine, die eine rohe Internet-Idee glattpoliert. Im Kino sieht man etwas anderes: einen Film, der größer geworden ist, ohne seine eigentliche Störung zu verlieren.

Das zentrale Problem liegt auf der Hand: Wie macht man aus einer Webserie, die fast nichts erklärt, aus Menschen, die durch Labyrinthe irren, und aus gelegentlichen Monsterattacken einen erzählerischen Kinofilm? Backrooms löst das mit einem erstaunlich zweckdienlichen aber interessanten Plot, der funktioniert. Chiwetel Ejiofor spielt Clark, einen gescheiterten Architekten, der sich inzwischen mit einem drittklassigen Möbelgeschäft über Wasser hält. Im Keller dieses Geschäfts entdeckt er den Eingang in die andere Welt. Die Norwegerin Renate Reinsve spielt seine Psychoanalytikerin. Als Clark verschwindet, geht sie ihm nach. Was sie findet, wird ihr kaum gefallen, dem Kino-Publikum allerdings sehr.

Ejiofor, den man nach seiner Hauptrolle in 12 Years a Slave (2012) viel zu selten gesehen hat, spielt Clark mit einer gebrochenen Schwere, die dem Film guttut. Seine Performance lässt aber auch komische, sympathische Momente shinen. Dieser Mann wirkt nicht wie ein klassischer Horrorheld, der zufällig in eine gefährliche Lage gerät. Renate Reinsve, die man aus Joachim Triers 𝐓𝐡𝐞 𝐖𝐨𝐫𝐬𝐭 𝐏𝐞𝐫𝐬𝐨𝐧 𝐢𝐧 𝐭𝐡𝐞 𝐖𝐨𝐫𝐥𝐝 (2021) und zuletzt aus dem norwegischen Oscar-Anwärter 𝐒𝐞𝐧𝐭𝐢𝐦𝐞𝐧𝐭𝐚𝐥 𝐕𝐚𝐥𝐮𝐞 (2025) gut in Erinnerung hat, bringt eine schöne Mischung aus Kontrolle, Neugier und wachsender Panik mit. Sie ist keine reine Erklärfigur, obwohl ihre Rolle genau diese Gefahr in sich trägt.

Renate Reinsve in BACKROOMS, Foto: Constantin Film

Getragen wird der Film aber vor allem von seinen neuen, aus dem Internet kommenden Bildern. Backrooms hat Visuals, an denen man sich festsehen kann: gelbe Korridore, falsche Wohnwelten, absurde Möbelhausräume, Matte-Painting-artige Hintergründe, Bildideen, die manchmal an Paul Thomas Andersons, manchmal an Tim Burton erinnern. Verrückt ist dabei: Fast alles dieser Backrooms wurde tatsächlich im Studio für den Film gebaut. Man muss sich mal vorstellen, was das für Parsons bedeutet haben muss: wirklich, physisch, durch jene gelben Räume zu gehen, die er vorher über Jahre nur am Rechner modelliert hatte.

Der Film ist dabei klug genug, das Rätsel nicht totzuerklären. Natürlich braucht ein Spielfilm Figuren, Rhythmus, Fallhöhen, Konflikte. Aber Backrooms weiß, dass seine stärksten Momente aus dem Nichtwissen kommen. Warum sind diese Räume da? Wer hat sie gebaut? Sind sie Erinnerung, Architektur, Hölle, Simulation einer Evil Corporation, psychischer Raum? Eine dubiose Firma, die wir auch schon aus der YouTube-Serie kennen, gewinnt besonders in der Schlussszene eine somnambule Wichtigkeit. Kann Wissenschaft eigentlich faulen? Der Film beantwortet genug, um nicht beliebig zu werden, und lässt genug offen, damit das Grauen weiterarbeitet. In seinen intensivsten Szenen gegen Ende sitzt die Angst neben dir.

Das Beeindruckende ist, wie wenig sich dieser Film wie ein kalkulierter IP-Transfer anfühlt. In Hollywood wird inzwischen ja jede Sache (noch einmal) verfilmt, die schon einmal einen Namen hatte. Sei es Superheld, Spielzeug, Computerspiel, Fortsetzung, Prequel, Legacy-Dingsbums. Backrooms hat natürlich auch einen Namen. Aber dieser Name kommt aus einer anderen, hochaktuellen Kultur: aus Reddit-Kommentarspalten-Dynamiken, YouTube, digitalen Bildresten und kollektiver Angst vor liminalen Räumen. Einer Welt, die nur noch als Fassade erscheint. Vielleicht weil wir sie immer mehr nur noch virtuell auf einem Screen erleben. Der Film wirkt nicht wie Markenpflege, eher wie der seltene Fall, dass ein Studio einem sehr jungen Filmemacher zutraut, seine eigene seltsame Welt auf die Leinwand zu bringen.

Dass Backrooms dann auch noch unverschämt erfolgreich wurde und A24 den bislang größten Hit seiner Geschichte beschert hat, ist vielleicht sein größter Makel. Es gibt schlimmere, klar. Aber der riesige Hype nach dem Kinostart in den USA half dem Film hierzulande nur bedingt. Enttäuschte Stimmen der Fachpresse und des Publikums vom Qualitäts-Typ »Da hatte ich aber mehr erwartet«, sind nicht selten. Und zugegeben: Wer mit der Erwartung hineingeht, dass hier das Horrorkino neu erfunden wird, könnte enttäuscht sein. Der Film ist nicht perfekt. Manche Übergänge sind zu funktional, einzelne Erklärmomente hätte man noch kälter, noch böser, noch knapper setzen können, noch mutiger. Aber verkannt wird viel zu oft die Singularität dieses Kinoereignisses, bei dem zum ersten Mal eine sehr spezifische Art von Internet-Folklore einen sehr guten, überaus filmischen Kinofilm machte. Vermutlich wird man die Qualitäten von Backrooms erst in der Rückschau richtig sehen, wenn in den kommenden Jahren dutzende, hunderte »Internet-Lore-Filme« die Leinwände mit ihrem unglückseligen Quick-Money-Denken geflutet haben werden.

Die vorhandenen Mankos des Films fallen aber auch heute in meinen Augen wenig ins Gewicht. Vor allem weil Backrooms etwas hat, das im Kino wirklich selten geworden ist: eine eigene Welt. Eine wirklich eigene. Er ist keine nostalgische Replik, kein dekorierter Franchise-Baustein, kein glattgebügelter Streaming-Albtraum. Dieser Film kommt aus dem Internet und weiß trotzdem ganz genau, was Kino – im besten Fall – kann: die Tür zu einer neuen Welt öffnen, von der wir nicht wussten, dass sie existierte.


Eine tolle Übersicht zu allen Vorstellungen von 𝐁𝐀𝐂𝐊𝐑𝐎𝐎𝐌𝐒 in Köln bietet koelnkino.koeln.


Kane Parsons Breakthrough-Video, das den Internet-Hype 2022 begründete, findet ihr nach wie vor auf YouTube:

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