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Kopfkino mit Abgründen – Japanische Literaturverfilmungen im Filmclub 813

Mit Takashi Miikes Horrorklassiker Audition und Ryû Murakamis provokantem Tokio Dekadenz beginnt am 15. Oktober eine Filmreihe des Japanischen Kulturinstituts Köln. Wegen Sanierungsarbeiten zieht das Programm vorübergehend in den Filmclub 813 um. Dort gibt es sechs japanische Literaturverfilmungen aus den 1980er- und 1990er-Jahren zu entdecken – ausschließlich auf 35-mm- und 16-mm-Film.

Von Werner Busch.


Ein vorgetäuschtes Filmcasting, das in einen Albtraum führt, eine junge Prostituierte im Tokio der Reichen und Mächtigen und ein Mann, der ohne Erinnerung in einer psychiatrischen Klinik erwacht: Die ersten sechs Filme der Reihe Kopfkino trifft Leinwand – Japanische Literaturverfilmungen beschäftigen sich mit menschlichen Abgründen, gesellschaftlichen Zwängen und einer Wirklichkeit, die zunehmend aus den Fugen gerät. Zwei besonders intensive Kinoerfahrungen stehen gleich am Anfang.

Den Auftakt macht am 15. Oktober Takashi Miikes Audition (1999), einer der bekanntesten und verstörendsten Filme des japanischen Horrorkinos. Ein verwitweter Geschäftsmann möchte eine neue Partnerin finden und lässt dafür ein Filmcasting veranstalten – ohne dass es überhaupt einen Film gibt. Unter den Bewerberinnen entdeckt er die zurückhaltende Asami, in die er sich verliebt. Was zunächst wie ein etwas eigenwilliges romantisches Drama beginnt, entwickelt sich langsam zu einem psychologischen Horrortrip, dessen Gewaltexzesse selbst hartgesottenen Genrefans einiges zumuten.

Miike spielt dabei geschickt mit den Erwartungen des Publikums und dem Verhältnis von Männern und Frauen. Der zunächst sympathisch wirkende Protagonist bedient sich eines fragwürdigen Auswahlverfahrens, um die vermeintlich perfekte Partnerin zu finden. Doch im weiteren Verlauf gerät nicht nur seine Vorstellung von der idealen Frau gründlich ins Wanken. Auch die Grenzen zwischen Realität, Erinnerung und Albtraum werden zunehmend unsicher.

Die literarische Vorlage stammt von Ryû Murakami, einem der bekanntesten zeitgenössischen japanischen Schriftsteller, dessen Werke sich häufig mit Gewalt, Sexualität und den Schattenseiten der modernen Gesellschaft beschäftigen. Er ist auch für den zweiten Film der Reihe verantwortlich: Tokio Dekadenz (1992), bei dem er selbst Regie führte.

Darin begleitet Murakami die junge Prostituierte Ai, die in den Luxushotels und Apartments Tokios die sexuellen Fantasien ihrer wohlhabenden Kunden erfüllt. BDSM-Praktiken und teils extreme Erniedrigungsrituale bestimmen ihren Alltag. Hinter den expliziten Darstellungen entfaltet sich das Porträt einer Gesellschaft, in der selbst intimste Begegnungen von Macht, Geld und emotionaler Leere geprägt sind. Der Film sorgte bei seiner Veröffentlichung für Aufsehen und gehört bis heute zu den provokantesten Arbeiten des japanischen Kinos der 1990er-Jahre. Die Musik stammt von Ryûichi Sakamoto.

Giwaku © Shochiku Co., Ltd.

Von gesellschaftlichen Vorurteilen bis zu surrealen Albträumen

Auch die weiteren Filme des Filmclub-Programms beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Normen und ihren Folgen, schlagen dabei aber ganz unterschiedliche Töne an.

In Yoshitarô Nomuras Kriminaldrama Verdacht (Giwaku, 1982), nach einer Vorlage des erfolgreichen Krimiautors Seichô Matsumoto, gerät eine Frau unter Mordverdacht, nachdem ihr wohlhabender Ehemann ums Leben gekommen ist. Ihr selbstbewusstes und wenig angepasstes Auftreten macht sie in den Augen von Polizei und Medien zusätzlich verdächtig. Eine Anwältin versucht, gegen die öffentliche Vorverurteilung anzukämpfen. Der Film ist zugleich ein Kriminalfall und eine scharfe Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen.

Deutlich leisere Töne schlägt Aiko, sechzehn Jahre (1983) von Akiyoshi Imazeki an. Die Verfilmung eines Romans der damals erst 17-jährigen Autorin Akemi Hotta erzählt vom Alltag einer Jugendlichen zwischen Freundschaften, ersten Beziehungen und den Problemen des Erwachsenwerdens. Das Buch wurde in Japan zum Bestseller und machte seine junge Verfasserin über Nacht bekannt.

Mit Morgen (Ashita, 1995) ist außerdem ein Film von Nobuhiko Ôbayashi zu sehen, der international vor allem für seinen ebenso wilden wie surrealen Horrorfilm House (1977) bekannt ist. Sein poetisches Fantasy-Drama erzählt von den Hinterbliebenen eines Schiffsunglücks, die eine rätselhafte Nachricht ihrer verstorbenen Angehörigen erhalten. Sie sollen sich an einem Pier versammeln, wo es um Mitternacht zu einem letzten Wiedersehen kommt. Der Film ist Teil von Ôbayashis sogenannter Neuer Onomichi-Trilogie und verbindet Trauer und Verlust mit fantastischen Elementen.

Zum Abschluss der sechs Filmclub-Abende wird es noch einmal ausgesprochen bizarr. Dogra Magra (1988) von Toshio Matsumoto, einem der wichtigsten Vertreter des japanischen Experimentalfilms, basiert auf dem gleichnamigen surrealistischen Roman von Kyûsaku Yumeno aus dem Jahr 1935. Ein Mann erwacht ohne Gedächtnis in einer psychiatrischen Anstalt und versucht, seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Doch je mehr er erfährt, desto ungewisser wird seine Identität. Matsumoto löst die chronologische Erzählung auf, verschachtelt unterschiedliche Realitätsebenen und erschafft ein ebenso faszinierendes wie verstörendes filmisches Labyrinth.

Elf Filme aus sechs Jahrzehnten

Insgesamt präsentiert das Japanische Kulturinstitut Köln unter dem Titel Kopfkino trifft Leinwand elf japanische Literaturverfilmungen aus den Jahren 1939 bis 1999. Die Reihe untersucht, wie japanische Filmemacher literarische Stoffe für das Kino adaptiert haben – von klassischen Erzählungen bis zu Romanen der jüngeren Vergangenheit.

Da der Veranstaltungssaal des Instituts an der Universitätsstraße derzeit saniert wird, finden die ersten sechs Vorführungen in Kooperation mit dem Filmclub 813 in dessen Kino in der Brücke statt. Für das Publikum bietet dieser Ortswechsel zugleich die Gelegenheit, sämtliche Filme des ersten Programmblocks in analogen Filmkopien zu erleben. Ab dem 26. November wird die Reihe im Japanischen Kulturinstitut fortgesetzt. Dann stehen unter anderem Klassiker von Kenji Mizoguchi, Kon Ichikawa und Shôhei Imamura auf dem Programm.


Alle Termine der Filmreihe

Im Filmclub 813

Kino 813 in der Brücke, Hahnenstraße 6, 50667 Köln

Donnerstag, 15. Oktober, 20:00 Uhr
AUDITION (Ôdishon)
Japan 1999 | Regie: Takashi Miike | 115 Min. | OmU | 35 mm
Eintritt: 7 € | FSK 18

Donnerstag, 22. Oktober, 20:00 Uhr
TOKIO DEKADENZ (Topâzu)
Japan 1992 | Regie: Ryû Murakami | 89 Min. | OmU | 35 mm
Eintritt: 7 € | FSK 18

Donnerstag, 29. Oktober, 20:00 Uhr
VERDACHT (Giwaku)
Japan 1982 | Regie: Yoshitarô Nomura | 126 Min. | OmU | 16 mm
Eintritt frei

Donnerstag, 5. November, 20:30 Uhr
AIKO, SECHZEHN JAHRE (Aiko jûrokusai)
Japan 1983 | Regie: Akiyoshi Imazeki | 98 Min. | OmU | 16 mm
Eintritt frei

Donnerstag, 12. November, 20:00 Uhr
MORGEN (Ashita)
Japan 1995 | Regie: Nobuhiko Ôbayashi | 142 Min. | OmU | 16 mm
Eintritt frei

Donnerstag, 19. November, 20:00 Uhr
DOGRA MAGRA (Dogura Magura)
Japan 1988 | Regie: Toshio Matsumoto | 109 Min. | OmU | 35 mm
Eintritt: 7 € | Zutritt ab 18 Jahren

Im Japanischen Kulturinstitut Köln

Universitätsstraße 98, 50674 Köln

Donnerstag, 26. November, 18:30 Uhr
THE STORY OF THE LAST CHRYSANTHEMUM (Zangiku monogatari)
Japan 1939 | Regie: Kenji Mizoguchi
Weiterer Termin: Montag, 7. Dezember, 18:30 Uhr

Samstag, 28. November, 14:30 Uhr
SANSHO THE BAILIFF (Sanshô dayû)
Japan 1954 | Regie: Kenji Mizoguchi
Weiterer Termin: Donnerstag, 10. Dezember, 18:30 Uhr

Montag, 30. November, 18:30 Uhr
CONFLAGRATION (Enjô)
Japan 1958 | Regie: Kon Ichikawa
Weiterer Termin: Samstag, 12. Dezember, 14:30 Uhr

Donnerstag, 3. Dezember, 18:30 Uhr
VENGEANCE IS MINE (Fukushû suru wa ware ni ari)
Japan 1979 | Regie: Shôhei Imamura
Weiterer Termin: Montag, 14. Dezember, 18:30 Uhr

Samstag, 5. Dezember, 14:30 Uhr
SPUK IN DER SCHULE (Gakkô no kaidan)
Japan 1995 | Regie: Hideyuki Hirayama
Weiterer Termin: Donnerstag, 17. Dezember, 18:30 Uhr

Der Eintritt zu sämtlichen Vorführungen im Japanischen Kulturinstitut ist frei.

Weitere Informationen und das vollständige Programm gibt es auf den Webseiten des Japanischen Kulturinstituts Köln und des Filmclubs 813.

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