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Edimotion: Was zwischen den Bildern entsteht

Am Freitag, 16. Oktober, startet in Köln die 26. Ausgabe von Edimotion – Festival für Filmschnitt und Montagekunst. Vier Tage lang stehen außergewöhnliche Montageleistungen, Gespräche mit Editor:innen und aktuelle Entwicklungen des Bewegtbilds im Mittelpunkt. Das Programm bietet zahlreiche Gelegenheiten, bemerkenswerte Kino- und Dokumentarfilme nachzuholen, einen Kurzfilmabend mit fünf sehr unterschiedlichen Arbeiten und spannende Diskussionen über KI, Videospiele und neue Erzählformen im Hochformat.

Von Werner Busch.


Was macht einen guten Filmschnitt aus? Wie entstehen im Schneideraum Spannung, Emotionen und neue Bedeutungen? Und wie verändert sich die Arbeit von Editor:innen, wenn künstliche Intelligenz Bilder manipulieren kann, Computerspiele ihre eigenen Erzählweisen entwickeln und immer mehr Menschen Filme auf dem Smartphone im Hochformat schauen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Edimotion vom 16. bis 19. Oktober 2026. Zum 26. Mal verwandelt das Festival das Filmforum NRW im Museum Ludwig und das Filmhaus Kino in Treffpunkte für Filmschaffende und ein neugieriges Kinopublikum.

Das Besondere an Edimotion sind traditionell die Filmgespräche: Nach den Vorführungen stehen die Editor:innen selbst auf der Bühne und erzählen von ihrer Arbeit. Das ermöglicht ungewöhnliche Einblicke in die Entstehung der Filme, die oft erst im Schneideraum ihre endgültige dramaturgische Gestalt finden.

Eröffnung und Hommage: Karina Ressler

Den Auftakt macht am Freitag um 20 Uhr Jessica Hausners Science-Fiction-Drama Little Joe (2019), in dem eine Wissenschaftlerin eine neuartige Blume entwickelt, deren Duft ihre Besitzer glücklich machen soll. Doch bald wachsen Zweifel an den tatsächlichen Wirkungen der Pflanze. Der Film eröffnet zugleich die diesjährige Hommage an die österreichische Editorin Karina Ressler, die mit dem Ehrenpreis Schnitt für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird.

Ressler gehört zu den prägenden Persönlichkeiten des europäischen Autorenkinos. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet sie unter anderem mit Jessica Hausner, Götz Spielmann, Barbara Albert und Sabine Derflinger zusammen. Charakteristisch für ihre Montage sind das Gespür für Zwischentöne, ungewöhnliche Erzählrhythmen und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten. Zur Eröffnung wird Jessica Hausner persönlich die Laudatio halten. Am Montag folgt mit Götz Spielmanns Oscar-nominiertem Thriller Revanche (2008) ein weiterer Höhepunkt der Hommage. Im anschließenden Werkstattgespräch gewährt Ressler anhand von Filmausschnitten Einblicke in ihre Arbeit.

Große Filme noch einmal entdecken

Ein besonderer Reiz von Edimotion besteht darin, Filme, die man beim regulären Kinostart verpasst hat, noch einmal auf der großen Leinwand sehen zu können – und anschließend aus einer ganz neuen Perspektive kennenzulernen.

In den Wettbewerben um den Filmstiftung NRW Schnitt Preis Spielfilm und den Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm sind jeweils fünf Montageleistungen nominiert. Darunter finden sich einige der interessantesten Kinoproduktionen der vergangenen Monate.

Etwa İlker Çataks Gelbe Briefe, der im Februar den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Das politische Drama erzählt von einem türkischen Künstlerehepaar, dessen Existenz durch staatliche Repressionen zerstört wird. Editorin Gesa Jäger, die bereits für Çataks Das Lehrerzimmer den Deutschen Filmpreis erhielt, ist zum Filmgespräch am Samstag im Filmhaus Kino zu Gast.

Ebenfalls im Wettbewerb: Mascha Schilinskis viel diskutierter In die Sonne schauen, dessen verschachtelte Erzählung die Schicksale von vier Mädchen und Frauen aus unterschiedlichen Epochen miteinander verwebt. Für die Montage ist Evelyn Rack verantwortlich. In Markus Schleinzers historischem Drama Rose verkörpert Sandra Hüller eine Frau, die während des Dreißigjährigen Krieges als Mann lebt und sich in einem Dorf eine neue Existenz aufbaut. Den Film montierte mit Hansjörg Weißbrich einer der bekanntesten und erfolgreichsten Editoren aus Deutschland. Mit dem Schweizer Drama À bras-le-corps und dem ungewöhnlichen Memory of Princess Mumbi vervollständigen zwei weitere Arbeiten das Spielfilmprogramm.

Auch unter den Dokumentarfilmen gibt es viel zu entdecken. Daniel Abmas Im Prinzip Familie begleitet Kinder und Erzieher:innen in einer Wohngruppe der Jugendhilfe und erzählt von Nähe, Verantwortung und der schwierigen Suche nach einem dauerhaften Zuhause. In Lena Karbes Innere Emigranten erleben wir die Nachtschichten einer Moskauer Krisenhotline, bei der die Gespräche zunehmend vom Krieg gegen die Ukraine und seinen gesellschaftlichen Folgen geprägt sind.

The Cowboy begleitet einen Jungen in den USA über zehn Jahre beim Erwachsenwerden und bei seinem Versuch, den Traum vom Cowboyleben zu verwirklichen. Sedimente untersucht anhand der Erinnerungen ihres Großvaters die Verflechtungen einer Familiengeschichte mit Nationalsozialismus, DDR und deutscher Wiedervereinigung. Grünes Licht beschäftigt sich mit Fragen rund um Selbstbestimmung und Sterbehilfe.

Alle zehn nominierten Langfilme werden in Anwesenheit ihrer Editor:innen gezeigt. Gerade beim Dokumentarfilm, dessen Dramaturgie häufig erst aus umfangreichem und über Jahre gesammeltem Material entsteht, versprechen die Gespräche besondere Einblicke.

Fünf Kurzfilme – fünf unterschiedliche Handschriften

Ein fester Bestandteil des Festivals ist der Wettbewerb um den mit 2.500 Euro dotierten Förderpreis Schnitt. Am Sonntag, 18. Oktober, um 20:45 Uhr präsentiert Edimotion im Filmforum NRW fünf nominierte Kurzfilme, deren Bandbreite von dokumentarischen Beobachtungen über persönliche Selbstbefragungen bis zu fiktionalen Erzählungen reicht.

Splitter erzählt von einer jungen Mutter, die mit der zunehmenden Selbstständigkeit ihrer sechsjährigen Tochter zurechtkommen muss. In Garden of Edie blickt eine Künstlerin und Sexarbeiterin auf ihren ungewöhnlichen Lebensweg zurück. Mother of a Son beschäftigt sich mit einer Mutter, deren Sohn bei einem Amoklauf mehrere Menschen getötet hat. Der dokumentarische From Ecuador with Love folgt dem Weg von Rosen durch die industrielle Produktion in Ecuador und macht dabei globale Arbeitsbedingungen sichtbar. Und Found & Lost erzählt von einem älteren Migranten, der in einem Wiener Nachtclub arbeitet und durch einen gut gemeinten Entschluss in Schwierigkeiten gerät. Alle fünf nominierten Editor:innen sind beim Kurzfilmabend zu Gast.

KI, Games und Verticals: Wie verändert sich die Montage?

Neben den Filmvorführungen widmet sich Edimotion mit dem Themenschwerpunkt »What’s New, Editing?« den gegenwärtigen Umbrüchen in der Bewegtbildproduktion. Dabei geht es um ganz konkrete Veränderungen der Arbeitsprozesse und um die Frage, welchen Einfluss neue Technologien auf die Gestaltung von Filmen und Serien haben.

Am Samstag um 16 Uhr führt der Cinematic Artist Simon Friedrich in die Welt der Videospiele. Sein Vortrag LEVEL UP – Cut! T-Pose, Please untersucht, wie filmisches Erzählen in virtuellen Räumen funktioniert, in denen Kameraeinstellungen, Bewegungen und Schnittpunkte auch nachträglich noch verändert werden können. Die Grenzen zwischen Filmschnitt, Animation und interaktivem Spielerlebnis werden dabei zunehmend durchlässig.

Direkt anschließend, um 17 Uhr, geht es um den Einsatz künstlicher Intelligenz beim digitalen Verjüngen von Schauspieler:innen. Anhand der ZDF-Serie Back for More, in der ehemalige Boyband-Mitglieder ihren jüngeren Ichs begegnen, diskutieren Regisseur Facundo Scalerandi, Editor Christoph Cepok und VFX-Spezialist Julian Schleef über technische Möglichkeiten, kreative Entscheidungen und die Zusammenarbeit zwischen Regie, Schnitt und Postproduktion.

Das internationale Panel »Ethical Editing in the Age of AI« beschäftigt sich am Samstag um 18:45 Uhr mit den ethischen Fragen, die der Einsatz künstlicher Intelligenz aufwirft. Wo liegen die Grenzen der Bildmanipulation? Welche Verantwortung tragen Editor:innen gegenüber den Menschen, die sie zeigen? Und welche gemeinsamen Standards könnte die Branche für den Umgang mit KI entwickeln? Darüber diskutieren die Editor:innen Angelika Lepper und Özcan Vardar mit der Datenwissenschaftlerin und KI-Unternehmerin Magda Woods.

Dass neue Technologien auch völlig neue Formate hervorbringen, zeigt am Sonntag um 19 Uhr die Veranstaltung Cutting to the Paywall – Storytelling in Vertical und Micro-Drama. In China sind kurze, hochkant produzierte Serien bereits ein riesiger Markt, inzwischen entstehen auch in Deutschland erste Produktionen. Die Episoden dauern oft nur wenige Minuten, dramatische Wendungen und Cliffhanger folgen in schneller Abfolge. Wie verändert das die Montage? Und was passiert mit filmischem Erzählen, wenn Aufmerksamkeit in Sekunden gemessen wird? Darüber sprechen Editor Alex Griffith, Regisseurin Meriem Rebai und Produzentin Aenn-Sophie Siebert.

Norwegen zu Gast in Köln

International richtet Edimotion seinen Blick in diesem Jahr besonders nach Norwegen. Gemeinsam mit dem norwegischen Editor:innenverband erwartet das Festival eine Delegation von zahlreichen Filmschaffenden. Höhepunkt ist der Gastlandabend am Samstag, bei dem mit Oslo Stories: Träume der Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2025 zu sehen ist.

Dag Johan Haugeruds Film erzählt von der 16-jährigen Johanne, die sich in ihre Lehrerin verliebt und ihre Gefühle in einem langen Text festhält. Daraus entwickelt sich eine ebenso feinfühlige wie humorvolle Geschichte über Liebe, Erinnerung und unterschiedliche Generationen. Im Anschluss spricht Editor Jens Christian Fodstad über seine Arbeit an dem Film. Die Vorführung beginnt um 21 Uhr im Filmforum NRW.

Bereits am Freitag bietet die Edimotion Akademie im Filmhaus Köln Workshops und Masterclasses für Filmschaffende an. Am Montag steht außerdem das Networking-Format Match Cut – Meet the Editor auf dem Programm.

Den Abschluss des Festivals bildet am Montag, 19. Oktober, um 20 Uhr die feierliche Preisverleihung im Filmforum NRW. Dann werden die Schnitt Preise für die besten Montageleistungen in Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilm vergeben und Karina Ressler mit dem Ehrenpreis Schnitt ausgezeichnet.

Edimotion 2026 findet vom 16. bis 19. Oktober im Filmforum NRW im Museum Ludwig und im Filmhaus Kino statt. Tickets für Filmvorführungen kosten regulär 9 Euro, ermäßigt 8 Euro. Für die Panels beträgt der Eintritt 6 Euro. Die Preisverleihung ist geladenen und akkreditierten Gästen vorbehalten.

Das vollständige Programm und Tickets gibt es unter www.edimotion.de.


Hinweis in eigener Sache: Der Autor dieses Artikels ist auch für Edimotion tätig und kuratiert die Kurzfilmsektion des Festivals.

Titelbild: Memory of Princess Mumbi, (c) Swiss Films

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