Liebe über den Tod hinaus: In seinem neuen Film Geister erzählt Fatih Akin eine ebenso poetische wie bewegende Geschichte über Verlust, Trauer und die Kraft der Liebe. Getragen von zwei herausragenden jungen Hauptdarsteller*innen und eindrucksvollen Bildern entführt der Film in eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit. Parallel zum Kinostart erscheint eine Graphic Novel, die der Geschichte eine weitere Dimension verleiht.
Von Andreas Füser.
In seinem neuen Film erzählt Fatih Akin eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Auf einer gemeinsamen Abiparty mehrerer Schulen begegnen sich die 20-jährigen Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin). Ein Moment, der alles verändert. Sie verlieben sich auf den ersten Blick. Doch noch in derselben Nacht stirbt Farasha. Auf der verzweifelten Suche nach einem Weg, Kontakt zu Faris aufzunehmen, findet sie eine Möglichkeit: Sie kann Faris treffen, jedoch nur in seinen Träumen und nur für 40 Nächte.
Hamburg zwischen Traum und Wirklichkeit
In seinem 13. Spielfilm inszeniert Fatih Akin ein poetisches Drama zwischen Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit und kehrt nach dem Erfolg seines Hark-Bohm-Films „Amrum“ im vergangenen Jahr mit seinem neuesten Werk in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Nicht die Elbphilharmonie oder andere klassische Postkartenmotive stehen im Mittelpunkt, aber die Stadt spielt eine wichtige Rolle, denn sowohl der Hafen als auch der Fernsehturm sind entscheidende Schauplätze. Der Fernsehturm, auf dem die Abi-Feier stattfindet und den Faris immer wieder aufsucht, hat eine Schlüsselfunktion und ist auch Schauplatz der wohl eindrücklichsten Szene des ganzen Films.
Sehenswert wird der Film aber nicht nur durch die Inszenierung und die (wieder mal) fantastische Kameraarbeit von Frank Griebe, der sich erneut als Meister der Bildgestaltung zeigt, sondern vor allem durch das hervorragende Ensemble an Schauspieler:innen. Es sind überwiegend noch wenig bekannte Gesichter, die Fatih Akin besetzt hat. Schauspiel, Bilder und der hervorragende Soundtrack ziehen in den Film hinein und lassen die Kinogänger:innen gebannt und auch bangend der Entwicklung der Geschichte folgen.
Im Mittelpunkt steht dabei Eren M. Güvercin, der als Faris in fast jeder Szene des Films zu sehen ist und dem man seine Liebe, seine tiefe Trauer und seine Schuldgefühle hundertprozentig abnimmt. Mariam Dawoud spielt die geliebte Farasha, und das Zusammenspiel der beiden bildet die schönsten Szenen des Films.
Fatih Akin inszeniert den Umgang mit der eigenen Trauer, die Fassungslosigkeit angesichts eines (sinnlosen?) Todes und die Herausforderung für die Überlebenden, trotz des Verlustes weiterzuleben, mit einer Leichtigkeit, die einen trotz der schweren Thematik das Kino positiv gestimmt verlassen lässt.
Geister sollte aber nicht allein angeschaut werden, denn nach dem Film hat man Gesprächsbedarf. Insbesondere jüngere Menschen, für die dieser Film hauptsächlich gemacht ist, sollten mit den Gefühlen, die der Film mit sich bringt, nicht alleingelassen werden.
Etwas zu kurz kommen allerdings viele der Nebenfiguren, von der jüngeren Schwester Hind bis zu Farashas Freundin Una. Obwohl sie durchweg hervorragend besetzt sind, bleibt für ihre Gefühle und Konflikte nur wenig Raum. Hier hätte man durchaus mehr erfahren wollen, aber das hätte dann wahrscheinlich den Film, zumindest zeitlich, gesprengt. So ist Geister der Film von Farasha und Faris.
Ein Film, zwei Bildwelten: Geister als Graphic Novel
Aber es wäre nicht Fatih Akin, wenn es nicht auch dieses Mal eine Besonderheit gäbe. So wird der Film sowohl in einer Farbversion als auch in einer Schwarzweißfassung im Kino zu sehen sein, wobei die farbige Variante (die auch in der Pressevorführung gezeigt wurde) die reguläre Fassung ist. Fatih Akin begründet das mit der Nähe seiner Bilder zu Mangas und Animes.
Erfreulicherweise ist parallel zum Film eine Graphic Novel erschienen, die Bea Davies gezeichnet hat. Der im Carlsen Verlag erschienene Band trägt den Untertitel „Nach einem Drehbuch von Ruth Toma & Fatih Akin“, aber der Eindruck ist, dass beides parallel entwickelt wurde. Tatsächlich fand die gemeinsame Arbeit von Akin mit Bea Davies vor allem während des Filmschnitts statt. Die Graphic Novel erzählt die gleiche Geschichte wie der Film, ist jedoch bis auf wenige Farbtupfer und das Ende durchgehend in Schwarzweiß gehalten. Zudem konzentriert sich der Comic noch stärker auf die beiden Hauptfiguren.
Fatih Akin erklärt die Idee hinter der parallelen Veröffentlichung so: „Im Grunde war Geister schon immer eine Graphic Novel – oder ein Manga oder ein Anime (…) Damit meine ich, dass ich diese Geschichte immer wie einen Comic gedacht habe: in Sprech- und Gedankenblasen, die Szenen und Einstellungen als Panels, den Schnitt als Cutter, den Sound in Lautmalereien (…) Durch meine Kinder entdeckte ich schließlich die Welt der japanischen Animes: Liebe, Schicksal, Tod, das Übersinnliche – all diese Dinge mündeten in Geister. Jedoch hatte ich das Gefühl, ein Film allein drückt nicht aus, was und vor allem wie ich es erzählen möchte. Deswegen die Idee, dem Film noch eine Graphic Novel hinzuzufügen.“
Wer also nach dem Film noch einmal auf andere Weise in die Geschichte eintauchen will, dem sei die Graphic Novel empfohlen. Meine Empfehlung lautet dabei, sich erst den Film anzusehen und sich dann mit der Graphic Novel zu beschäftigen. Es lohnt sich, beides kennenzulernen.
Ab 5. November im Kino
Der Film wird ab Donnerstag in Köln zunächst im Cinedom, Cinenova und Filmpalast zu sehen sein.
Geister Deutschland 2026 | Regie: Fatih Akin | 105 Min. | FSK 12 Ab 5. November 2026 im Kino
„Geister – Nach einem Drehbuch von Ruth Toma & Fatih Akin“ Graphic Novel von Bea Davies Carlsen Comics | 224 Seiten | 20 Euro ISBN 978-3-551-81022-9
Liebe über den Tod hinaus: In seinem neuen Film Geister erzählt Fatih Akin eine ebenso poetische wie bewegende Geschichte über Verlust, Trauer und die Kraft der Liebe. Getragen von zwei herausragenden jungen Hauptdarsteller*innen und eindrucksvollen Bildern entführt der Film in eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit. Parallel zum Kinostart erscheint eine Graphic Novel, die der Geschichte eine weitere Dimension verleiht.
Von Andreas Füser.
In seinem neuen Film erzählt Fatih Akin eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Auf einer gemeinsamen Abiparty mehrerer Schulen begegnen sich die 20-jährigen Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin). Ein Moment, der alles verändert. Sie verlieben sich auf den ersten Blick. Doch noch in derselben Nacht stirbt Farasha. Auf der verzweifelten Suche nach einem Weg, Kontakt zu Faris aufzunehmen, findet sie eine Möglichkeit: Sie kann Faris treffen, jedoch nur in seinen Träumen und nur für 40 Nächte.
Hamburg zwischen Traum und Wirklichkeit
In seinem 13. Spielfilm inszeniert Fatih Akin ein poetisches Drama zwischen Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit und kehrt nach dem Erfolg seines Hark-Bohm-Films „Amrum“ im vergangenen Jahr mit seinem neuesten Werk in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Nicht die Elbphilharmonie oder andere klassische Postkartenmotive stehen im Mittelpunkt, aber die Stadt spielt eine wichtige Rolle, denn sowohl der Hafen als auch der Fernsehturm sind entscheidende Schauplätze. Der Fernsehturm, auf dem die Abi-Feier stattfindet und den Faris immer wieder aufsucht, hat eine Schlüsselfunktion und ist auch Schauplatz der wohl eindrücklichsten Szene des ganzen Films.
Sehenswert wird der Film aber nicht nur durch die Inszenierung und die (wieder mal) fantastische Kameraarbeit von Frank Griebe, der sich erneut als Meister der Bildgestaltung zeigt, sondern vor allem durch das hervorragende Ensemble an Schauspieler:innen. Es sind überwiegend noch wenig bekannte Gesichter, die Fatih Akin besetzt hat. Schauspiel, Bilder und der hervorragende Soundtrack ziehen in den Film hinein und lassen die Kinogänger:innen gebannt und auch bangend der Entwicklung der Geschichte folgen.
Im Mittelpunkt steht dabei Eren M. Güvercin, der als Faris in fast jeder Szene des Films zu sehen ist und dem man seine Liebe, seine tiefe Trauer und seine Schuldgefühle hundertprozentig abnimmt. Mariam Dawoud spielt die geliebte Farasha, und das Zusammenspiel der beiden bildet die schönsten Szenen des Films.
Fatih Akin inszeniert den Umgang mit der eigenen Trauer, die Fassungslosigkeit angesichts eines (sinnlosen?) Todes und die Herausforderung für die Überlebenden, trotz des Verlustes weiterzuleben, mit einer Leichtigkeit, die einen trotz der schweren Thematik das Kino positiv gestimmt verlassen lässt.
Geister sollte aber nicht allein angeschaut werden, denn nach dem Film hat man Gesprächsbedarf. Insbesondere jüngere Menschen, für die dieser Film hauptsächlich gemacht ist, sollten mit den Gefühlen, die der Film mit sich bringt, nicht alleingelassen werden.
Etwas zu kurz kommen allerdings viele der Nebenfiguren, von der jüngeren Schwester Hind bis zu Farashas Freundin Una. Obwohl sie durchweg hervorragend besetzt sind, bleibt für ihre Gefühle und Konflikte nur wenig Raum. Hier hätte man durchaus mehr erfahren wollen, aber das hätte dann wahrscheinlich den Film, zumindest zeitlich, gesprengt. So ist Geister der Film von Farasha und Faris.
Ein Film, zwei Bildwelten: Geister als Graphic Novel
Aber es wäre nicht Fatih Akin, wenn es nicht auch dieses Mal eine Besonderheit gäbe. So wird der Film sowohl in einer Farbversion als auch in einer Schwarzweißfassung im Kino zu sehen sein, wobei die farbige Variante (die auch in der Pressevorführung gezeigt wurde) die reguläre Fassung ist. Fatih Akin begründet das mit der Nähe seiner Bilder zu Mangas und Animes.
Erfreulicherweise ist parallel zum Film eine Graphic Novel erschienen, die Bea Davies gezeichnet hat. Der im Carlsen Verlag erschienene Band trägt den Untertitel „Nach einem Drehbuch von Ruth Toma & Fatih Akin“, aber der Eindruck ist, dass beides parallel entwickelt wurde. Tatsächlich fand die gemeinsame Arbeit von Akin mit Bea Davies vor allem während des Filmschnitts statt. Die Graphic Novel erzählt die gleiche Geschichte wie der Film, ist jedoch bis auf wenige Farbtupfer und das Ende durchgehend in Schwarzweiß gehalten. Zudem konzentriert sich der Comic noch stärker auf die beiden Hauptfiguren.
Fatih Akin erklärt die Idee hinter der parallelen Veröffentlichung so: „Im Grunde war Geister schon immer eine Graphic Novel – oder ein Manga oder ein Anime (…) Damit meine ich, dass ich diese Geschichte immer wie einen Comic gedacht habe: in Sprech- und Gedankenblasen, die Szenen und Einstellungen als Panels, den Schnitt als Cutter, den Sound in Lautmalereien (…) Durch meine Kinder entdeckte ich schließlich die Welt der japanischen Animes: Liebe, Schicksal, Tod, das Übersinnliche – all diese Dinge mündeten in Geister. Jedoch hatte ich das Gefühl, ein Film allein drückt nicht aus, was und vor allem wie ich es erzählen möchte. Deswegen die Idee, dem Film noch eine Graphic Novel hinzuzufügen.“
Wer also nach dem Film noch einmal auf andere Weise in die Geschichte eintauchen will, dem sei die Graphic Novel empfohlen. Meine Empfehlung lautet dabei, sich erst den Film anzusehen und sich dann mit der Graphic Novel zu beschäftigen. Es lohnt sich, beides kennenzulernen.
Ab 5. November im Kino
Der Film wird ab Donnerstag in Köln zunächst im Cinedom, Cinenova und Filmpalast zu sehen sein.
Geister
Deutschland 2026 | Regie: Fatih Akin | 105 Min. | FSK 12
Ab 5. November 2026 im Kino
„Geister – Nach einem Drehbuch von Ruth Toma & Fatih Akin“
Graphic Novel von Bea Davies
Carlsen Comics | 224 Seiten | 20 Euro
ISBN 978-3-551-81022-9
© alle Filmstills: 2026 bombero international GmbH & Co. KG / Rialto Film GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH. Fotograf: Gordon A. Timpen